Shirley Cruz von Paris St. Germain © imago/PanoramiC

Porträt

Shirley Cruz: Ein Star, der keiner sein wollte

Costa Rica hat sich erstmals für eine Frauen-WM qualifiziert. Großer Star des Teams ist Shirley Cruz. Dabei wollte die Mittelfeldspielerin eigentlich nie Profi werden. Ihr schwebte ein Studium in den USA vor. Sie landete jedoch als Fußballerin in Frankreich.

Wenn Shirley Cruz an ihre ersten Monate in Frankreich zurückdenkt, wird aus der eigentlich stets sehr fröhlichen Nationalspielerin Costa Ricas eine sehr nachdenkliche Frau. "Manchmal habe ich vor Einsamkeit geweint", verriet die 29-Jährige der Zeitung "La Nacion". Heimweh, nicht vorhandene Sprachkenntnisse sowie die ablehnende Haltung einiger ihrer früheren Teamkameradinnen hätten ihr das Leben in der Fremde zunächst sehr schwer gemacht, erzählte die Mittelfeldakteurin von Paris Saint-Germain. "Ich habe hart gekämpft, um mir Respekt zu verdienen", fügte sie stolz an. Inzwischen hat Cruz Frankreich in ihr Herz geschlossen. Die Spielgestalterin lebt bereits seit neuneinhalb Jahren in der "Grande Nation" und gehört zu den populärsten Kickerinnen der Division 1 Féminin. Dabei wollte die "große Ikone des costa-ricanischen Frauenfussballs" ("fifa.com") ihrer Heimat eigentlich gar nicht so lange den Rücken kehren. "Als ich ging, habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich bald wiederkomme", erklärte sie "Le Parisien".

"War eigentlich nicht mein Ziel, Profi zu werden"

Cruz hatte in Costa Ricas Erster Liga bereits mit 14 Jahren ihr Debüt im Trikot von AD Goicoechea gefeiert. Es folgten Intermezzi bei CS Desamparados und bei UCEM in Alajuela, wo die Regisseurin drei Meisterschaften gewann. 2004 wechselte sie zu Deportivo Saprissa. Zu diesem Zeitpunkt war Cruz bereits Nationalspielerin. Ein Berater überredete sie im Januar 2006 schließlich, in Europa ihr Glück zu versuchen. Er vermittelte ihr ein Engagement bei Olympique Lyon. "Es war eigentlich gar nicht mein Ziel, Profi zu werden. Ich habe nur aus Spaß gespielt. Ich habe den Fußball als Möglichkeit gesehen, ein Stipendium für ein Studium zu bekommen", erzählte die 29-Jährige "Le Parisien". Nicht Frankreich, sondern die USA waren ursprünglich ihr Ziel gewesen.

Erfolgreiche Zeit in Lyon

Shirley Cruz im Trikot von Olympique Lyon © imago/ActionPictures

Shirley Cruz gewann zehn Titel mit Olympique Lyon.

Obgleich Cruz sich zunächst fernab der Heimat nicht wohlfühlte und aufgrund der Sprachbarriere "sehr schüchtern" war, wie sie verriet, hatte die 29-Jährige sportlich keinerlei Eingewöhnungsprobleme. Im offensiv ausgerichteten System von Lyons Coach Farid Benstiti wurde die Mittelfeldakteurin schnell zu einer festen Größe. Die Costa-Ricanerin sei auf dem Platz eine "unermüdliche Arbeiterin" gewesen, heißt es auf der Homepage des Klubs. Cruz eilte mit Olympique von Sieg zu Sieg und Titel zu Titel. Sechs Meisterschaften, zwei Pokalsiege sowie zwei Triumphe in der Champions League schlugen für sie am Ende ihres sechseinhalbjährigen Engagements in Lyon zu Buche. Dennoch verließ sie den Klub 2012 nach dem Gewinn des Triples im Unfrieden. "Ich war nicht einverstanden mit dem Angebot", erklärte die 29-Jährige. Ihr Kontrakt sollte nur zu reduzierten Bezügen verlängert werden.

Paris als neue Herausforderung

Cruz erwägte, in ihre Heimat zurückzukehren. "Da ist es das ganze Jahr über 25 Grad warm. Es ist überall grün. Da ist der Wald, der Strand und die Leute sind alle super freundlich. Ich vermisse alles", erklärte sie. Ein Anruf von Benstiti brachte sie schließlich zum Umdenken. Ihr früherer Coach bei Lyon hatte inzwischen bei Paris Saint-Germain angeheuert und setzte alle Hebel in Bewegung, seine Lieblingsschülerin an die Seine zu locken. Ein attraktives finanzielles Angebot sowie das Versprechen, offensiver als zuvor bei Olympique agieren zu dürfen, überzeugten Cruz. "Farid gibt mir mehr Freiheiten", freute sich die nur 1,62 Meter große Mittelfeldspielerin. Noch ist ihr mit dem PSG die Wachablösung in Frankreich nicht gelungen. Ihr Ex-Klub ist auf nationaler Ebene weiter das Maß aller Dinge. Doch dank der großzügigen finanziellen Unterstützung von Katars Tourismusbehörde, dem Hauptsponsor, darf Paris darauf hoffen, Lyon bald den Rang abzulaufen.

"Ticas" erstmals für WM qualifiziert

Shirley Cruz (l.), Nationalspielerin Costa Ricas, im Trikot von Paris St. Germain © imago/PanoramiC

Cruz (l.) hofft auf ein gutes Abschneiden Costa Ricas bei der WM.

Auf Vereinsebene hat Cruz alle bedeutenden Titel gewonnen. Sie ist in ihrer Heimat ein Star. Und nun wartet auf die 29-Jährige das Abenteuer WM. Die "Ticas" haben sich erstmals für interkontinentale Titelkämpfe qualifiziert. Das kleine Land ist in Kanada krasser Außenseiter, für fast alle Kontrahenten eine "Wundertüte". Eine Rolle, die insbesondere Kapitänin Cruz ganz gut aus ihrer Anfangszeit in Frankreich kennt. Sie hat sich seinerzeit nicht unterkriegen lassen und will nun ihre Teamkameradinnen mit dieser Erfahrung inspirieren. "Wer Träume hat und sie wahr machen will, muss über sich hinauswachsen, Opfer bringen und hart trainieren. Wenn man das beherzigt, ergeben sich automatisch Gelegenheiten. Diese gilt es dann zu nutzen", sagte sie im Gespräch mit "fifa.com".

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 09.06.15 10:48 Uhr