Vorrundenbilanz

ARD-Experten: Niveau gestiegen, Schweden enttäuscht

Martina Knief und Bernd Schmelzer © ARD Foto: Bettina Lenner, Christian Spielmann

Ihre Stimme hat Gewicht: Martina Knief (Hörfunk) und Bernd Schmelzer (Fernsehen) kommentieren seit vielen Jahren die Spiele der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die ARD. Im Interview mit sportschau.de ziehen die beiden Experten eine Vorrundenbilanz. Sie erklären, warum sie die Aufstockung des Teilnehmerfeldes für richtig halten, welchen Einfluss der Kunstrasen und die Reisestrapazen auf das Turnier haben und weshalb sie den deutschen Frauen den Einzug ins Viertelfinale zutrauen.

Die deutschen Spielerinnen haben ihr Ziel erreicht, die Vorrunde als Gruppenerster abzuschließen. Trotzdem waren sie sehr selbstkritisch nach dem Thailand-Spiel. Können Sie das nachvollziehen?

Knief: Dass sie so selbstkritisch waren, finde ich aller Ehren wert. Spielerisch hat die deutsche Mannschaft sicherlich Luft nach oben. Am Ende ist sie aber souverän durch die Vorrunde gekommen. Es war eine Gruppe zum Einspielen. Aber 15:1 Tore muss man auch gegen diese Gegner erst mal erzielen, andere große Nationen haben sich da schwerer getan.

Schmelzer: Ich glaube, die Spielerinnen wissen ganz genau, dass sie nicht Weltmeister werden können, wenn sie so spielen wie gegen Thailand. Letztlich hat sich bestätigt, dass die Deutschen die leichteste Vorrundengruppe hatten mit Thailand und der Elfenbeinküste. Ich finde gut, dass den Spielerinnen klar ist, dass das keine Gradmesser waren.

Wo stehen die DFB-Frauen im Vergleich zu den anderen Favoriten?

Knief: Es gibt keine Mannschaft, die souverän durch die Vorrunde marschiert ist. Japan hat zwar neun Punkte, aber das war nicht immer doll. Die Kanadierinnen haben sich extrem schwergetan. Da sieht man, wieviel Druck die haben. Ich finde, dass die Gastgeberinnen sich auch selber etwas zu gut eingeschätzt haben. Die haben zwar Olympia-Bronze gewonnen. Aber dass der Trainer sich hinstellt und sagt: Wir müssen jetzt unbedingt ins Finale kommen, das halte ich beim Niveau der Mannschaft für etwas vermessen. Die USA hat mich überhaupt nicht überzeugt. Brasilien hatte auch nicht so eine wahnsinnig schwere Gruppe. Die Französinnen sind einmal gestolpert. Insgesamt hat keines der Topteams bislang eine Leistung abgerufen, mit der es nun alleiniger Favorit auf den Titel wäre. Im Vergleich mit den anderen haben die Deutschen ihre vermeintlich leichten Aufgaben gut gelöst.

Schmelzer: Wenn die deutschen Fußballerinnen 90 Minuten so spielen wie gegen Norwegen in der ersten Halbzeit, gibt es für mich kein besseres Team im Turnier. Dann sind sie der Titelfavorit Nummer eins. Kanada hat mich noch nicht überzeugt, die Gastgeberinnen sind in der gleichen Rolle wie Deutschland vor vier Jahren. Es ist interessant zu beobachten, wie auch sie sich schwertun mit dem Erwartungsdruck. Titelverteidiger Japan ist, abgesehen von dem Wackler gegen die Schweiz, souverän durchmarschiert. Brasilien zeigt einen unspektakulären Auftritt bislang. Die USA haben auch nicht geglänzt. Frankreich hat mich erst im letzten Spiel gegen Mexiko überzeugt. Das war die erwartet starke Vorstellung des WM-Mitfavoriten.

Impressionen

Die WM-Vorrunde in Bildern

Was waren die größten Überraschungen?

Knief: Negativ überrascht hat mich, dass die Französinnen es nicht geschafft haben, gegen Kolumbien zu gewinnen. Auch von Schweden hatte ich mehr erwartet als drei Unentschieden in der Vorrunde. Nilla Fischer, die eine sehr gute Bundesliga-Saison gespielt hat, ist in der Abwehr bisher eine Enttäuschung. Mich freut, dass Nationen wie Thailand gezeigt haben, dass sie zu Recht dabei sind. Die Schweiz hat auf Anhieb das Achtelfinale erreicht. Da sieht man, was Martina Voss-Tecklenburg aufgebaut hat.

Schmelzer: Die größte Überraschung ist für mich, dass Schweden überhaupt noch nicht ins Turnier gefunden hat. Positiv überrascht hat mich die Schweiz, zumindest für anderthalb Spiele. Die afrikanischen Mannschaften waren viel stärker, als man es im Vorfeld gedacht hat.

Wie hat sich das Niveau entwickelt im Vergleich zu vergangenen Turnieren - technisch, taktisch, auch das Torhüterspiel, das im Frauenfußball ja oft ein Schwachpunkt ist?

Knief: Die Torhüterinnen präsentieren sich gut, da habe ich keine großen Ausreißer nach unten gesehen. Technisch-taktisch haben sich viele stark verbessert. Früher hat man bei manchen Teams mitunter die Ordnung vermisst. Die ist jetzt da. Trainerinnen wie Monika Staab aus Deutschland oder die ehemalige englische Nationaltrainerin Hope Powell, die Thailand unterstützt, sind weltweit unterwegs, um Know-how zu vermitteln. Und das sieht man. Ein Problem sind meiner Meinung nach noch die Schiedsrichterinnen. Die Unparteiische aus Sambia im deutschen Spiel gegen Thailand hatte sicher keine WM-Reife.

Schmelzer: Die Torhüterinnen haben sich deutlich verbessert. Wir haben richtig gute Paraden gesehen, gerade bei den vermeintlich schwächeren Nationen wie Costa Rica, Thailand, Elfenbeinküste. Taktisch ist zu erkennen, dass mittlerweile auch die afrikanischen Teams einen Plan haben, wie sie das Spiel gestalten wollen. Nigeria hat super Fußball gespielt, aber leider kein Tor gemacht in den entscheidenden Momenten. Das Niveau ist insgesamt deutlich gestiegen. Man sieht, dass sich auch in den kleineren Ländern was tut. Wenn die mal so eine WM-Qualifikation geschafft haben, dann wollen sie sich auch nicht blamieren.

Nach dem 10:0 der DFB-Frauen gegen die Elfenbeinküste gab es gleich eine Qualitätsdebatte. War die Aufstockung von 16 auf 24 Teilnehmer richtig oder falsch?

Knief: Ich gehöre zu denen, die sagen, dass es richtig war. Wenn andere Nationen lernen sollen, dann müssen sie auch mal dabei sein. Hier regen wir uns über zweistellige Ergebnisse auf und sagen, dass es dem Frauenfußball nicht gut tut - was ja auch der Fall ist. Aber bei Olympischen Spielen freuen wir uns immer, wenn ein exotischer 100-Meter-Freistilschwimmer die Strecke durchhält und nicht vorher untergeht. Oder wenn beim Skilanglauf ein Athlet aus Trinidad & Tobago mitmacht, mit einer Technik, die mehr an einen Hobbyläufer erinnert als an einen Olympiastarter. Beim Fußball werden die Exoten immer so kritisch gesehen, das finde ich ein bisschen schade.

Schmelzer: Es gab nur zwei zweistellige Ergebnisse. Das Gefälle ist durch die Aufstockung des Turniers auf 24 Mannschaften also nicht so groß, wie man das im Vorfeld befürchtet hat. Ansonsten gab es keine Spiele, in denen Teams deklassiert wurden. Ausreißer bei einem Turnier gibt es immer, auch bei den Männern. Da kommt es auch schon mal vor, dass eine Mannschaft 7:1 gegen eine andere gewinnt… Alle, die hier dabei waren, haben es verdient.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 18.06.15 15:39 Uhr