Die US-amerikanische Nationalspielerin Carin Jennings (l.) im Halbfinale der WM 1991 gegen Deutschland in Aktion © picture-alliance/AFP

China 1991

Triumph des dreischneidigen Schwerts

Dank eines überragenden Offensiv-Trios triumphierten die USA im November 1991 bei der ersten Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Für die deutsche Mannschaft blieb bei den interkontinentalen Titelkämpfen in China nur der undankbare vierte Platz.

Das deutsche Drama beginnt an diesem 27. November 1991 in Guangzhou mit einem schlampigen halbhohen Rückpass auf Christine Paul. Die Verteidigerin versucht noch, den Ball akrobatisch zu klären. Doch sie schlägt ein Luftloch. Der Weg zum Tor ist frei für Carin Jennings. Die US-Amerikanerin lässt sich diese Chance nicht nehmen und trifft zur 1:0-Führung (10.). Zwölf Minuten später erhöht die Angreiferin mit einem Schuss aus rund 20 Metern ins linke obere Eck. Diesmal glänzt die deutsche Verteidigung durch Passivität. Als die sonst so zuverlässige Abwehrchefin Doris Fitschen Jennings kurz vor der Pause den Ball in Strafraumnähe direkt in die Füße spielt und die Stürmerin ihren dritten Treffer erzielt (33.), sind die Träume des DFB-Teams vom Titel in China geplatzt. Am Ende verliert die Mannschaft von Trainer Gero Bisanz das Semifinale gegen den späteren Weltmeister mit 2:5. Auch im Spiel um Platz drei gegen Schweden muss der Europameister eine empfindliche 0:4-Pleite hinnehmen.

DFB-Team verlustpunktfrei ins Viertelfinale

Die deutsche Nationalspielerin Heidi Mohr (M.) im WM-Spiel 1991 gegen Nigeria © picture-alliance/AFP

Heidi Mohr (M.) erzielte in der Gruppenphase fünf Tore.

Deutschland war vier Monate nach dem Triumph bei der EM in Dänemark voller Zuversicht ins Reich der Mitte gereist. Das Team galt bei der ersten offiziellen Weltmeisterschaft in der Geschichte des Frauenfußballs zwar nicht als Topfavorit. Doch ihm wurden neben den USA, Gastgeber China und Norwegen die besten Chancen auf einen Erfolg eingeräumt. In der Gruppenphase untermauerte die DFB-Auswahl diese Einschätzung der Experten auch mit drei souveränen Siegen. Zum Auftakt wurde Außenseiter Nigeria in Jiangmen mit 4:0 bezwungen. Spielgestalterin Silvia Neid (16.), Torjägerin Heidi Mohr (32., 34.) sowie Gudrun Gottschlich (57.) waren vor 14.000 Zuschauern erfolgreich. Mit Taiwan ging es anschließend gegen einen weiteren "Fußball-Zwerg". Abermals gab sich die Bisanz-Mannschaft keine Blöße. In Zhongshan feierte Deutschland nach Treffern von Bettina Wiegmann (10./Strafstoß) und Mohr (21., 50.) einen 3:0-Sieg. Zum Abschluss der Gruppenphase wartete mit Italien der Europameisterschafts-Halbfinalgegner. Und wie in Dänemark behielten die DFB-Elf auch in China die Oberhand. Mohr (67.) und Britta Unsleber (79.) sorgten für das verdiente 2:0.

Mohr entscheidet Krimi gegen Dänemark

Neben Deutschland qualifizierten sich auch die "Azzurre", Dänemark, Schweden, China, Norwegen, die USA und Taiwan für das Viertelfinale. Für die DFB-Auswahl stand am 24. November in Zhongshan das Duell mit den Däninnen auf dem Programm. 12.000 Zuschauer wurden Zeugen einer zähen Auseinandersetzung. Die Bisanz-Mannschaft ging durch einen Wiegmann-Elfmeter zwar früh in Front (17.). Doch die Freude währte nicht lange. Susan Mackensie konnte kurz darauf - ebenfalls per Strafstoß - egalisieren (25.). Weitere Treffer fielen in der regulären Spielzeit, die bei der Premieren-WM noch 80 Minuten betrug, nicht. Die Nervenschlacht ging in die Verlängerung. Mohr war es schließlich, die mit ihrem sechsten Turniertor für Erleichterung und Jubel beim Europameister sorgte (98.).

USA demontieren Taiwan

Auch Norwegen tat sich anschließend in seinem Viertelfinale schwer. Die Skandinavierinnen mussten gegen Italien ebenfalls in die Verlängerung. Tina Svensson schoß das Team von Coach Even Pellerud in der Extrazeit zum 3:2-Sieg (96.). Schweden setzte sich durch einen Treffer von Pia Sundhage (3.) 1:0 gegen China durch und die USA demontierten Taiwan mit 7:0. Fünffache Torschützin war Angreiferin Michelle Akers, die damit einen bis heute gültigen WM-Rekord aufstellte. Sie bildete gemeinsam mit Jennings und April Heinrichs ein gefürchtetes Offensiv-Trio, das von den chinesischen Medien ehrfurchtsvoll als das "dreischneidige Schwert" tituliert wurde.

Bisanz-Team geht die Luft aus

Die deutschen Fußballerinnen bei der Siegerehrung der WM 1991 in China © picture-alliance/AFP

Das DFB-Team reiste mit dem Fairplay-Preis, aber ohne Medaille von der WM in China ab.

Im Vorschlussrunden-Duell mit Deutschland blieb Akers zwar ohne eigenen Treffer. Der Dominanz der Mannschaft von Coach Anson Dorrance tat dieses aber keinen Abbruch. Gegen eine müde wirkende DFB-Auswahl schlug wie beschrieben die große Stunde von Jennings. "Ein Traum ist wahr geworden", sagte die dreifache Torschützin nach der Partie. Zwar keimte beim Europameister noch einmal kurz Hoffnung auf, als Mohr zum 1:3 verkürzte (34.). Doch Heinrichs sorgte nach dem Seitenwechsel für klare Verhältnisse (54.). Sie traf später auch noch zum Endstand (75.). Wiegmann war zwischenzeitlich zum 2:4 erfolgreich (63.). Für Verteidigerin Paul, die mit ihrer verunglückten Abwehraktion die Niederlage eingeleitet hatte, war ihr elftes auch zugleich das letzte Länderspiel. Im "kleinen Finale" gegen Schweden, das Norwegen zuvor mit 1:4 unterlegen war, verzichtete Trainer Bisanz bereits auf die Defensivspezialistin. Nichtsdestotrotz gab es zum Abschied in China eine schmerzhafte 0:4-Niederlage. Kleiner Trost für den Europameister: Er erhielt den FIFA-Fairplay-Preis.

Finale in Guangzhou vor 63.000 Zuschauern

Das Finale zwischen den USA und Norwegen am 30. November im Tianhe Stadion in Guangzhou mussten die deutschen Spielerinnen von der Tribüne aus verfolgen. Gemeinsam mit 63.000 Zuschauern. Sie sahen eine von beiden Seiten sehr intensiv geführte Partie. "Es war das beste Spiel dieser WM", analysierte Amerikas Coach Dorrance nach der Begegnung. Seine Mannschaft ging durch einen Kopball von Akers in Führung (20.). Es war bereits der neunte Turniertreffer der aus Kalifornien stammenden Ausnahmestürmerin. Die Skandinavierinnen wollten nach der EM-Endspiel-Niederlage in Dänemark gegen die DFB-Auswahl nicht erneut zweiter Sieger sein und kämpften leidenschaftlich. US-Torfrau Mary Harvey half ihnen beim Ausgleich, als sie einen langen Ball unterlief und Linda Medalen das Tor ermöglichte (29.).

Akers nach Endspiel-Doppelpack im "siebten Himmel"

Julie Foudy, Michelle Akers-Stahl und Carin Jennings (v.l.) bejubeln den Sieg der USA bei den WM 1991 in China © picture-alliance/AFP

Michelle Akers (M.) traf im Finale gegen Norwegen doppelt und schoß die USA zum WM-Titel.

Bis 120 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielstand hatte dieses Ergebnis Bestand. Dann misslang Tina Svensson ein Rückpass auf ihre Keeperin Reidun Seth. Akers sprintete dazwischen, umkurvte die Torhüterin und schob den Ball zum 2:1 ins leere Gehäuse. "Das ist ein Tor, von dem man als Kind träumt. Ich fühle mich wie im siebten Himmel", sagte die Angreiferin strahlend in die Fernsehkameras. Sie erhielt den "Goldenen Schuh" als erfolgreichste Torschützin. Als beste Spielerin wurde "Deutschland-Schreck" Jennings ausgezeichnet. Nur Heinrichs, die dritte Akteurin des "dreischneidigen Schwerts", ging leer aus. Der WM-Titel war für sie allerdings mehr als ein schwacher Trost.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr