Frust bei der deutschen Nationalspielerin Simone Laudehr © picture-alliance/sampics

Deutschland 2011

Böses Erwachen aus dem Sommermärchen

Die deutschen Frauen wollten 2011 im eigenen Land den dritten WM-Sieg in Folge feiern. Es sollte ein Sommermärchen werden. Doch bereits im Viertelfinale war Endstation für die Gastgeberinnen. Sie scheiterten gegen den späteren Weltmeister Japan.

Der aufmunternde Applaus der Fans konnte keinen Trost spenden. Auch nicht die Worte und Umarmungen von DFB-Präsident Theo Zwanziger, der sich ihnen annahm wie ein Vater seinem Kind, das sich beim spielen verletzt hat. Vielen deutschen Fußballerinnen liefen nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM gegen Japan die Tränen über die Wangen. Lediglich ein Spruchband, das sie jetzt durchs Wolfsburger Stadion trugen, erinnerte noch an die ursprüngliche Mission des Rekord-Europameisters. "Ein Team - ein Traum - Millionen Fans - Danke", stand darauf. Eigentlich hatten es die deutschen Spielerinnen erst nach dem Finale ausrollen wollen - als frisch gekürte Weltmeisterinnen. "Man kann es gar nicht glauben, dass es jetzt schon alles vorbei ist", erklärte die sichtlich geschockte Fatmire Alushi. Keeperin Nadine Angerer wähnte sich ebenfalls in einem Albtraum, aus dem sie hoffte, noch aufzuwachen: "Für mich ist das alles ein bisschen surreal, was hier passiert ist." Ein vorzeitiges Scheitern des Titelverteidigers war im Drehbuch zur perfekt durchgestylten und organisierten WM nicht vorgesehen gewesen. Die deutschen Frauen sollten ein Sommermärchen schreiben. Eines, das anders als das der Männer 2006, ein Happy End hat.

Alushi und Co. als "kickende Models" vermarktet

"20Elf von seiner schönsten Seite" lautete der Slogan für die erste Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Die FIFA und das WM-Organisationskomitee hatten ihn gemeinsam konzipiert und aufgrund der Doppeldeutigkeit des Mottos viel Kritik hinnehmen müssen. "Die Botschaft ist eben nicht: Auch Frauen können gut Fußball spielen. Sondern: Auch Frauen, die Fußball spielen, können gut aussehen", hieß es in der "Süddeutschen Zeitung". "Der DFB vermarktet die Weltmeisterschaft nicht als Fußballturnier, sondern als verlängerten Laufsteg für elf kickende Models von ihrer schönsten Seite", bemängelte "Der Tagesspiegel". Fakt war: Alushi und Co. genossen vor Beginn der "Mission Titelverteidigung" eine bis dato nie dagewesene Aufmerksamkeit. Die deutschen Elitekickerinnen wurden von einem PR-Termin zum nächsten gejagt und waren in den Medien omnipräsent. Für den DFB und die FIFA hatte dies den gewünschten Werbeeffekt. Die Neugierde und Vorfreude auf das Turnier waren in Deutschland groß. Zwanziger versprach "ein Event, ein Mitfeiern, ein Miterleben". Nichts anderes also als die Wiederholung des Sommermärchens von 2006.

Makellose Bilanz in der Gruppenphase

Die deutsche Nationalspielerin Fatmire Alushi (r.) im Duell mit der Französin Laure Lepailleur © picture-alliance/dpa Foto: Carmen Jaspersen

Fatmire Alushi (r.) und das DFB-Team feierten in der Gruppe A drei Siege.

Die Erwartungshaltung an den Titelverteidiger war dementsprechend hoch. Zunächst hielt das Team von Bundestrainerin Silvia Neid dem Druck auch stand. Im Auftaktspiel am 26. Juni gelang vor der beeindruckenden Kulisse von 73.680 Zuschauern im Berliner Olympiastadion ein 2:1-Erfolg gegen Kanada. Kerstin Garefrekes und Celia Sasic (42.) waren für die Gastgeberinnen erfolgreich. Christine Sinclair traf für die Nordamerikanerinnen (82.). Vier Tage später folgte in Frankfurt am Main das Duell mit Nigeria. Auch gegen die Afrikanerinnen feierte die DFB-Auswahl einen Erfolg, der in die Rubrik "Arbeitssieg" fiel. Simone Laudehrs Treffer (54.) bedeutete zudem die vorzeitige Viertelfinal-Qualifikation. Zum Abschluss der Gruppe A traf Deutschland am 5. Juli in Mönchengladbach auf Frankreich, das ebenfalls zweimal dreifach gepunktet hatte. Die 45.867 Schaulustigen im Borussia-Park wurden Zeugen eines Offensiv-Spektakels inklusive des bis dahin besten Auftritts der Neid-Equipe. Nach 90 atemberaubenden Minuten schlug ein 4:2-Erfolg des Turnierfavoriten zu Buche. Inka Grings (32., 68./Strafstoß), Garefrekes (25.) sowie Sasic (89.) erzielten die Tore für das DFB-Team, Marie-Laure Delie (56.) sowie Laura Georges (72.) überwanden Angerer.

Kulig-Drama im Viertelfinale

Nach der Galavorstellung gegen die sehr starke "Equipe Tricolore" schien ein Erfolg im Viertelfinale gegen Japan mehr oder minder nur Formsache zu sein. Die Asiatinnen galten zwar als unbequem zu bespielen, aber auch als ausrechenbar. Die DFB-Auswahl - so die einhellige Expertenmeinung - müsste sich schon wegen ihrer großen individuellen Klasse durchsetzen. Es sollte alles anders kommen an diesem Abend des 9. Juli in Wolfsburg. Das deutsche Drama begann mit dem frühen Ausscheiden von Kim Kulig. Die Mittelfeldakteurin musste bereits nach acht Minuten ausgewechselt werden und saß anschließend weinend auf der Bank. Wie sich später herausstellte, hatte sie sich einen Kreuzbandriss zugezogen. Kuligs Fehlen schwächte den Titelverteidiger fraglos. Die Ordnung in der Zentrale ging zuweilen etwas verloren. Nichtsdestotrotz war das Neid-Team dominant. Japan beschränkte sich weitgehend auf die Defensivarbeit und lauerte auf Konter. "Sie haben das sehr geschickt gemacht, immer ein Bein dazwischen gehabt", resümierte Angerer nach der Partie.

Maruyama trifft Deutschland mitten ins Herz

Die Japanerin Karina Maruyama (M.) erzielt den 1:0-Siegtreffer gegen Deutschland © picture-alliance/sampics

Karina Maruyama (M.) traf für Japan zum 1:0-Sieg gegen das DFB-Team.

Trotz einiger guter Gelegenheiten gelang den Gastgeberinnen in der regulären Spielzeit kein Treffer. Neid redete vor der Verlängerung noch einmal eindringlich auf ihre Mannschaft ein, versuchte, ihr Mut zuzusprechen. Aber das Team verkrampfte nach dem Wiederanpfiff zusehends. Ein genialer Pass der Japanerin Homare Sawa in die Tiefe auf Karina Maruyama sowie deren Schuss ins lange Eck (108.) sorgten schließlich für das unglückliche deutsche Aus. "Wir hätten heute fünf Stunden spielen können, hätten das Tor einfach nicht gemacht. Japan macht aus keiner Chance ein Tor", analysierte Grings frustriert. Ihre Trainerin Neid geriet nach der Pleite in die Kritik. Unter anderem wegen ihrer Personalpolitik. So saß Kapitänin Birgit Prinz gegen die Asiatinnen über die gesamte Distanz auf der Bank. Für die zweimalige "Weltfußballerin" war es das traurige Ende ihrer glanzvollen DFB-Karriere. Die Angreiferin trat nach 214 Einsätzen (128 Treffer) aus der Nationalmannschaft zurück. Ihr Kommentar zum vorzeitigen WM-Aus: "Das ist ziemlich dumm gelaufen."

Olympia-Teilnahme verspielt

Da sich Frankreich (4:3 im Elfmeterschießen gegen England) und Schweden (3:1 gegen Australien) für die Vorschlussrunde qualifizierten, blieb Deutschland auch das Ticket für Olympia 2012 in London verwehrt. Lediglich die beiden besten europäischen Mannschaften bei der Weltmeisterschaft erhielten ein Startrecht für die Sommerspiele. Für das Spektakel an der Themse qualifiziert waren die USA und Brasilien, die den letzten WM-Halbfinalisten ermittelten. Nach einem Strafstoß-Krimi behielten die Amerikanerinnen im Elfmeterschießen mit 5:3 die Oberhand, weil Keeperin Hope Solo den Penalty von Daiane parierte.

USA gegen Frankreich mit Fortune

Die Französin Sonia Bompastor (v.) im Duell mit der US-Amerikanerin Abby Wambach © picture-alliance/Mika Volkmann Foto: Mika Volkmann

Frankreich um Sonia Bompastor (v.) verlor unglücklich gegen die USA.

Im ersten Semifinale traf Japan am 13. Juli in Sinsheim auf Schweden. Die von vielen Fans unterstützten Skandinavierinnen gingen durch Josefine Oqvist früh in Führung (10.). Am Ende musste sich die Elf von Coach Thomas Dennerby dem Deutschland-Bezwinger jedoch nach Gegentreffern von Nahomi Kawasumi (19., 64.) und Sawa (60.) mit 1:3 geschlagen geben. Ausschlaggebend für den Erfolg der Asiatinnen waren abermals ihre hohe taktische Disziplin und enorme Laufleistung. Mit demselben Ergebnis endete das andere Vorschlussrunden-Duell zwischen den USA und Frankreich. Obgleich die "Equipe Tricolore" feldüberlegen war und ein Chancenplus hatte, zog sie am Ende den Kürzeren. Lauren Cheney (9.), Abby Wambach (79.) sowie Alex Morgan (82.) waren für die effizienten Amerikanerinnen bei einem Gegentor von Sonia Bompastor (55.) erfolgreich. Auch im Spiel um Platz drei geizten die Französinnen mit Toren und unterlagen Schweden 1:2.

Keeperin Kaihori Japans Finalheldin

Die japanischen Fußballerinnen bejubeln den Sieg bei der WM 2011 © picture-alliance/sampics

Japan gewann in Deutschland seinen ersten WM-Titel.

Im Finale am 17. Juli in Frankfurt am Main übernahm zunächst die USA die Initiative. Doch auch das Team der schwedischen Trainerin Pia Sundhage biss sich lange am Defensivriegel Japans die Zähne aus. Erst in der 69. Minute gelang Alex Morgan die erlösende Führung für die nimmermüde anrennenden Amerikanerinnen. Vieles deutete nun auf einen Erfolg für den zweimaligen Weltmeister hin. Aber der Kontrahent gab trotz seines kräfteraubenden Spiels nicht auf. Aya Miyama rettete Japan mit dem 1:1 (81.) in die Verlängerung. In der Extrazeit ging die USA durch Wambach erneut in Front (104.). Abermals war das Tor nicht gleichbedeutend mit dem Titelgewinn, da Sawa kurz vor Ultimo egalisierte (117.). Das Elfmeterschießen musste entscheiden. Und in diesem avancierte Keeperin Ayumi Kaihori zur Heldin. Sie hielt die Strafstöße von Shannon Boxx und Tobin Heath. Zudem verfehlte Carli Llody das Ziel. Auf Seiten Japans scheiterte lediglich Yuki Ogimi an Schlussfrau Solo, sodass der Weltranglistenvierte mit 3:1 die Oberhand behielt.

Sasaki-Team "lindert Schmerz einer ganzen Nation"

Die Mannschaft von Coach Norio Sasaki hatte durch den WM-Triumph viel mehr als eine große Überraschung geschafft. Vier Monate nach den verheerenden Erdbeben im Nordosten Japans, den Tsunami-Flutwellen sowie den daraus resultierenden Reaktorunfällen in Fukushima gab der Titelgewinn einer ganzen Bevölkerung Kraft, Mut und neues Selbstvertrauen. Die angesehene Tageszeitung "New York Times" schrieb dazu passend: "Ein unverwüstliches Team lindert den Schmerz einer ganzen Nation." Dass das erhoffte deutsche Sommermärchen nicht in Erfüllung ging, war im Vergleich dazu fraglos eine Lappalie.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr