Dzenifer Marozsàn © NDR

00:39 min | 06.06.2019 | Das Erste

Dzsenifer Marozsán – "eine unglaubliche Technikerin"

Wichtiger Mensch für die Mannschaft und bekannt für ihre Flatterbälle aus der Distanz, die jede Torhüterin vor Herausforderungen stellt: Dzsenifer Marozsán.

Porträt

Marozsán: "Lebende Legende", aber keine Kapitänin

von Florian Neuhauss

Dreimal in Folge die Champions League gewonnen, dreimal in Folge Fußballerin des Jahres in Frankreich: Von einer Last befreit will Dzsenifer Marozsán jetzt bei der WM durchstarten.

Manchmal muss sich sogar Dzsenifer Marozsán geschlagen geben. Ein 1:5 hat die deutsche Nationalspielerin und Spielmacherin von Champions-League-Sieger Olympique Lyon allerdings selten zu quittieren. Im Duell mit den beiden e-Nationalspielern des DFB, Mohammed "Moauba" Harkous und Michael "Megabitt" Bittner, im Konsolenspiel FIFA ließ sie sich jedoch verschmerzen. "Die Jungs sind viel besser als wir. Es war sehr lehrreich. Hut ab", sagte die 27-Jährige, die mit ihrer guten Freundin und Nationalmannschaftskollegin Svenja Huth seit Jahren ein erfolgreiches Duo am Controller bildet. Das Ergebnis war ernüchternd und anspornend zugleich: "Jetzt haben wir mehr zu trainieren, Svenja."

2019: Titel-Triple und zweimal beste Spielerin

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Auf dem Rasen hätte die Saison 2018/2019 für Marozsán gar nicht erfolgreicher verlaufen können. Mit Lyon gewann Sie das Triple aus Meisterschaft, Pokal und "Königsklasse". In Deutschland wurde sie genauso zur Fußballerin des Jahres gewählt wie in ihrer Wahlheimat Frankreich - dort sogar schon zum dritten Mal in Folge. "Das ist außergewöhnlich für mich", sagte die gebürtige Budapesterin, für die die Spielzeit eigentlich gar nicht gut begonnen hatte. Eine beidseitige Lungenembolie, ausgelöst durch die Einnahme der Anti-Baby-Pille, setzte die ehemalige Frankfurterin drei Monate lang außer Gefecht.

Starke Bilanz mit 14 Toren in 27 Einsätzen

Umso beeindruckender fiel ihr Comeback aus. Die Mittelfeldspielerin glänzte nicht nur mit ihren herausragenden technischen Fähigkeiten und als Vorbereiterin, sondern erzielte in ihren insgesamt 27 Pflichtspieleinsätzen starke 14 Tore. Mit einem Treffer düpierte sie im Champions-League-Viertelfinalrückspiel beim VfL Wolfsburg Nationaltorhüterin Almuth Schult. "Ich hatte schon überlegt, ob sie das macht", sagte Schult, die von Marozsán mit einem direkten Freistoß von der Seite überrascht worden war. "Aber dann habe ich gedacht, sie traut es sich nicht." Sie traute sich doch - und am Ende siegten die Französinnen nach dem 2:1-Heimerfolg auswärts gar mit 4:2.

"Schon jetzt eine lebende Legende"

"Sie war mal mein Ballmädchen- und damals schon die Beste. Wir haben manchmal aufgehört, Fußball zu spielen, weil wir den Ballmädchen beim Jonglieren zugeguckt haben. Sie war damals schon so herausragend gut, dass man absolut sehen konnte, was das für eine Entwicklung nimmt", erzählte Nadine Keßler einmal sportschau.de. Die 31-Jährige muss es wissen, war sie doch 2014 Weltfußballerin des Jahres und ist mittlerweile bei der UEFA als Beraterin in Sachen Frauenfußball beschäftigt.

Ob Marozsans Fähigkeiten gerät auch Ansgar Brinkmann ins Schwärmen. Als "ehrgeizig, mutig und natürlich mit unfassbarem Talent gesegnet" beschreibt sie der auch als "weißer Brasilianer" bekannte Ex-Profi. "Sie ist schon jetzt eine lebende Legende im Frauenfußball."

Glückwünsche von Viktor Orban

Mit einem weiteren Treffer brachte sie OL im Endspiel gegen den FC Barcelona (4:1) auf die Siegerstraße. Für Marozsán war es ohnehin ein "sehr besonderes Spiel", fand es doch in ihrer Geburtsstadt und vor "fast meiner ganzen Familie" statt. Hinterher gratulierte ihr der ungarische Staatschef Viktor Orban persönlich bei Facebook. Sie antwortete mit einem kurzen "Vielen Dank". Sie selbst schrieb nach dem Finale unter ein Foto, das sie mit der großen Trophäe in der Hand zeigte: "Ein Traum wurde wahr..."

Auf dem Feld Anführerin, aber ohne Binde

Dzsenifer Marozsán (l.) mit Bundestrainerin Steffi Jones © imago/Laci Perenyi

Dzsenifer Marozsán (l.) und Bundestrainerin Steffi Jones nach dem EM-Aus 2017.

Zu ihrer bisherigen Karriere gehört aber auch die Erkenntnis, was sie vielleicht nicht ganz so gut kann. Bundestrainerin Steffi Jones hatte sie zur Kapitänin ernannt, doch sie fremdelte bei der EM 2017 mit dieser Rolle. Die geniale Spielmacherin versuchte voranzugehen, war auf dem Feld überall und nirgends. Doch statt in bewährter Manier zu glänzen, rieb sich die 27-Jährige immer wieder in Defensivzweikämpfen auf - einer von vielen Gründen für das Viertelfinal-Aus.

Als Martina Voss-Tecklenburg das Ruder übernahm, bat Marozsán die neue Bundestrainerin folgerichtig zum Gespräch. Darin bat die sensible Edeltechnikerin, ihr die Last der Spielführerbinde zu nehmen. Und "MVT" tat gut daran, der Bitte Folge zu leisten. Seitdem ist Alexandra Popp Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft - und Marozsán blüht wieder auf. Nach dem 2:1-Testsieg in Schweden stellte Voss-Tecklenburg fest, aus der sehr starken Mannschaft habe Marozsán noch herausgeragt. Ohnehin ist die Lyonerin mit ihrer Technik, der Übersicht und dem Mut in der Offensive eine Spielerin genau nach dem Geschmack der Bundestrainerin.

Marozsán weckt Hoffnungen auf den dritten Stern

Marozsán lässt ohne Binde am Arm wieder Taten mit dem Ball am Fuß sprechen und weckt so Hoffnungen, dass in Frankreich das offizielle Ziel Olympia-Quali erreicht wird. Und sogar noch mehr? Denn bei der WM unter die besten drei Nationen Europas zu kommen, meinte die ehrgeizige Titelsammlerin sicher nicht, als sie nach dem gewonnenen Champions-League-Finale weiter schrieb: "Nun beginnt die Arbeit, um eventuell einen weiteren Traum zu verwirklichen!"

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | FIFA Frauen WM 2019 | 08.06.2019 | 16:00 Uhr

Stand: 04.06.19 10:38 Uhr