Drei Spielerinnen der Nationalelf trainieren auf einem Fahrrad. © NDR

02:36 min | 20.06.2019 | Das Erste | Autor/in: Inka Blumensaat

DFB-Team will den Titel – der Gipfel ist noch weit

Der WM-Titel ist das erklärte Ziel, der Weg ist aber noch weit für Deutschland. Jetzt heißt der nächste Gegner zunächst einmal Nigeria. Und: Trotz dreier Siege in der Vorrunde gab es auch Schwächen.

Deutsches Team

Lotzen: "Deutschland hat die Qualität fürs Finale"

Nach ihrer Verletzungpause verfolgt Lena Lotzen die WM als Fan - und ist doch ganz nah dran. Das Team besuchte sie im Hotel und bekam ein besonderes Geschenk. Die Stürmerin im Interview.

Die Fußballspielerin Lena Lotzen  sitzt im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf der Ersatzbank. © imago images

Lena Lotzen spielte 25-mal für die DFB-Frauen, bevor sie zwei Kreuzbandrisse stoppten.

Das Duell mit Südafrika in Montpellier war bisher das stimmungsvollste WM-Spiel mit deutscher Beteiligung. Unter den 15.000 Zuschauern war auch Lena Lotzen - im Trikot ihrer Freiburger Mitspielerin Giulia Gwinn. Lotzen gehörte selbst zum Nationalteam, wurde 2013 Europameisterin und spielte 2015 bei der WM in Kanada. Doch ein Kreuzbandriss warf sie wenig später aus der Bahn, ein zweiter folgte, als sie sich gerade wieder herangekämpft hatte. Im Interview mit sportschau.de spricht die 25 Jahre alte Stürmerin über die Leistungen der DFB-Frauen in Frankreich und die Hoffnungsträger, aber auch über ihren steinigen Weg zurück und einen Traum, über den sie nur sehr selten redet.

Frau Lotzen, Hand aufs Herz: Hatten Sie Ihr Gwinn-Trikot schon vor der WM oder sind Sie einer dieser "Erfolgsfans"?

Lena Lotzen (lacht): Ich habe das Trikot erst während der WM bekommen - aber von ihr persönlich. Ich hatte ihr in Freiburg vor ein paar Monaten ein Trikot von mir von der EM 2013 geschenkt - und natürlich drauf bestanden, dass ich auch eins von ihr bekomme. Als ich dann in Montpellier war, hat es perfekt gepasst. Aber ich wusste schon vor der WM, dass Giuli alle Anlagen hat, um eine Große zu werden.

Und wie haben Ihnen die Auftritte der DFB-Frauen bei der WM bisher gefallen?

Lotzen: Mit neun Punkten und dem Gruppensieg kann man grundsätzlich von einer gelungenen Vorrunde sprechen. Aber es gibt in vielen Mannschaftsteilen noch Luft nach oben. Das Team hat sich, vielleicht auch durch die Rotation, noch nicht zu 100 Prozent gefunden. Es standen viele junge Spielerinnen auf dem Platz, die die Zeit noch brauchten. Aber die Qualität ist auf jeden Fall da. Ich hoffe, dass die Mannschaft jetzt den Leuten in der K.o.-Phase zeigt, was sie spielerisch drauf hat.

Sie sind mit Ihrer Freiburger Mitspielerin Clara Schöne in Montpellier gewesen und haben das Team auch im Hotel besucht. Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Eine WM ist für alle ein Riesenerlebnis, das man genießen sollte. Aber trotzdem ist nicht jede Einzelne mit sich selbst und ihren Einsatzzeiten zufrieden. Die eine oder andere hat noch nicht alles gezeigt, was sie kann und ist sehr kritisch zu sich selbst. Trotzdem ist die Grundstimmung positiv.

Die Fußballspielerin Lena Lotzen (3.v.l.) - im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft - steht auf der Tribüne eines Stadions neben anderen Menschen. © imago images

Das WM-Spiel in Montpellier verfolgte Lena Lotzen (3.v.l.) auf der Tribüne im Gwinn-Trikot.

Sie sind Europameisterin 2013 und waren 2015 bei der WM in Kanada dabei. War es komisch, so nah dran und am Ende doch nur Zuschauerin zu sein?

Ja, das ist schon ein gemischtes Gefühl. Ich bin mit meinen Verletzungen ja jetzt schon seit vier Jahren nicht mehr dabei und kann das auch realistisch einschätzen. Ich kenne jede Spielerin und viele aus dem Betreuerstab. Es ist immer schön, alle zu sehen, und ich werde herzlich aufgenommen. Aber ich bin auch wehmütig.

Sie hatten eine unglaubliche Pechsträhne mit zwei Kreuzbandrissen und ein paar anderen Verletzungen. Ist es schon ein Erfolg, dass Sie in der abgelaufenen Saison beim SCF wieder regelmäßig spielen konnten?

Absolut! Nach dem zweiten Kreuzbandriss stand ja sogar in den Sternen, ob ich jemals wieder spielen würde. Auch, ob ich es überhaupt noch mal will. Aber das Jahr in Freiburg war super, niemand konnte damit rechnen, dass ich so viel spiele. Am Ende musste ich mich hier und da sogar beruhigen, wenn ich nicht gespielt habe, weil ich dann schon wieder mehr wollte.

Sie haben Ihren Vertrag in Freiburg gerade um ein Jahr verlängert. Was sind Ihre Ziele für die neue Saison?

Ich kann zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder eine Vorbereitung von Beginn an mitmachen - und starte nicht mit wochenlanger Verspätung. Ich hoffe, dass ich so eine gute körperliche Grundlage legen kann, damit auch gesünder durch die Saison komme und wieder an das Niveau herankomme, auf dem ich schon mal war.

Taugt Marina Hegering vielleicht als Vorbild? Sie war noch länger verletzt als Sie und ist jetzt Abwehrchefin bei der WM.

Auf jeden Fall! Ich bewundere Marina sehr und habe einen Riesenrespekt vor ihrer Leistung. Sie hat sich nach dieser langen Pause zurückgekämpft und spielt jetzt auf internationalem Topniveau bei dieser WM. Allein wenn ich jetzt drüber spreche, bekomme ich eine Gänsehaut. Ihre Geschichte habe ich immer im Hinterkopf.

Fußballspielerin Lena Lotzen (r.) im Trikot des SC Freiburg während eines Spiels gegen den FC Bayern München. © picture alliance/dpa/foto2press Foto: Sven Leifer

In Freiburg hat Lena Lotzen (r.) nach dreijähriger Verletzungspause wieder in der Bundesliga Fuß gefasst.

Haben Sie den Traum, noch mal für Deutschland aufzulaufen?

Ja, schon. Das ist ein Traum, über den ich nur sehr selten spreche. Ich bin Realistin und weiß, dass das ein sehr harter Weg wird - und ich bin erst einen kleinen Teil gegangen. Es wäre die Bestätigung für alles, was ich investiert habe. Aber es soll kein verkrampfter Traum sein, keiner um jeden Preis und nicht erzwungen. Wenn, dann will ich ihn schmerzfrei erleben.

Sie kennen sich als Stürmerin mit dem Toreschießen aus. Ein Thema der vergangenen Monate ist die schlechte Chancenverwertung der DFB-Frauen. Was kann man da machen?

Gewisse Dinge kann man auf jeden Fall trainieren - viele Torschüsse und auch die Abläufe. Aber selbst wenn man das 1.000-mal trainiert, muss es nicht im Spiel klappen. Ein Tor im Spiel ist durch nichts zu ersetzen, dann kann der Knoten platzen, dann ist man komplett drin. Ein Vorbild ist da Sara Däbritz, die ihre beiden Tore wirklich erzwungen hat. Sie spielt bisher in jeder Hinsicht eine sehr gute WM.

Und wie weit kommt die deutsche Mannschaft noch bei der WM?

Die Mannschaft hat die Qualität für das Finale, es ist wirklich alles möglich. Allerdings muss das Team erst noch beweisen, dass es bei dieser WM schon einem Topgegner standhalten kann.

Das Gespräch führte Florian Neuhauss aus Grenoble

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | FIFA Frauen WM 2019 | 23.06.2019 | 17:00 Uhr

Stand: 21.06.19 10:55 Uhr