Kamerun protestiert © dpa Foto: John Walton

01:59 min | 23.06.2019 | Das Erste

England - Kamerun 3:0

England steht im WM-Viertelfinale. Der Weg dorthin war allerdings für Teams und Publikum äußerst nervenaufreibend. Dafür sorgte in einem über weite Strecken zerfahrenen Spiel auch der Videoschiedsrichter.

Nachrichten

England im Viertelfinale - Kamerun im Tränenmeer

von Uli Petersen

Das WM-Achtelfinale zwischen England und Kamerun ist nichts für schwache Nerven gewesen. Die Europäerinnen profitierten bei ihrem verdienten 3:0 (2:0)-Sieg nicht nur von Fehlern des Gegners, sondern auch zweimal entscheidend von Videoschiedsrichter-Entscheidungen. Diese irritierten Kamerun so sehr, dass das Spiel zwischenzeitlich nicht fortgesetzt werden konnte.

Die Zuschauer im Stade du Hainaut im französischen Valenciennes sahen am Sonntagabend (23.06.19) ein denkwürdiges Achtelfinalspiel. Das lag aber nicht an spielerischer Klasse oder taktischen Meisterleistungen, sondern wie schon so oft bei dieser Fußball-WM an Entscheidungen des Videoschiedsrichters, der in dieser Partie Bastian Dankert aus Deutschland war. Das Intervenieren aus Paris beim zunächst nicht gegebenen zwischenzeitlichen 2:0 der Engländerinnen (45.+4) und beim vermeintlichen Anschlusstreffer der Afrikanerinnen zum 1:2 (48.) war korrekt - und sorgte doch bei Kamerun für Fassungslosigkeit. Die Afrikanerinnen fühlten sich ungerecht behandelt - und waren zweimal offenbar kurz davor, das Spielfeld zu verlassen.

Ein "Handspiel" der Torhüterin mit Folgen

Englands Steph Houghton (l.) schießt einen indirekten Freistoß. © dpa Foto: Richard Sellers

Mit dem indirekten Freistoß nahm das Unheil für Kamerun seinen Lauf.

In den ersten 20 Minuten ging in der Defensive von Kamerun gleich einiges schief: Erst sah Abwehrspielerin Yvonne Leuko für ein Foul an Nikita Parris früh Gelb (4.), dann nahm Keeperin Annette Ngo Ndom einen Rückpass von Innenverteidigerin Augustine Ejangue mit den Händen auf (12.). Die Folge: ein indirekter Freistoß für England aus fünf Metern. Den Schuss von Kapitänin Steph Houghton lenkte Ngo Ndom mit einer Hand ins rechte untere Eck ab (15.) - zum dritten Mal im vierten WM-Spiel führten die "Lionesses" nach 15 Minuten.

Dass Ejangue der Engländerin Toni Duggan in dieser Szene auf den Arm spuckte, hatte Schiedsrichterin Liang Qin aus China offenbar nicht gesehen, sondern nur die Kameraleute im Stadion ...

Kamerun verweigert nach 0:2 den Wiederanstoß

Die WM-Dritten von 2015 schalteten nach dem 1:0 in den "Verwaltungsmodus", beschränkten sich darauf, Kameruns Spielaufbau zu stören - mit Erfolg. Die Partie verflachte, es gab so gut wie keine Torraumszenen.

Die vierte Minute der Nachspielzeit vor der Pause hatte es dann allerdings in sich: Duggan bereitete mit einem Pass durch die Schnittstelle Ellen Whites vierten Turniertreffer vor (45.+4). Er zählte allerdings erst, nachdem Videoschiedsrichter Dankert in Paris die Szene am Monitor überprüft hatte - die Linienrichterin hatte zuvor fälschlicherweise die Fahne wegen Abseits gehoben. Kameruns Spielerinnen waren aufgebracht, wollten das 0:2 nicht wahr haben - und waren kurz davor, die Fortsetzung der Partie zu boykottieren: Die Mannschaft versammelte sich im Mittelkreis, erst nach etwa zwei Minuten waren die Afrikanerinnen zum Wiederanstoß bereit.

"Torschützin" Nchout bricht in Tränen aus

Kameruns Augustine Ejangue (v.l.), Gabrielle Aboudi Onguene, Ajara Nchout und Gaelle Enganamouit protestieren © dpa Foto: John Walton

Die Kamerunerinnen wollten die gegen sie getroffenen Entscheidungen nicht wahr haben.

Wer gedacht hatte, dass es nach der Pause im knapp 30 Grad warmen Valenciennes weniger hitzig zugehen würde, hatte sich getäuscht: Ajara Nchout, die Kamerun mit ihrem 2:1 gegen Neuseeland ins Achtelfinale geschossen hatte, traf zum vermeintlichen Anschlusstreffer (48.), doch wieder spielte der Videoschiedsrichter den Spielverderber: Er ahndete zu Recht eine ganz knappe Abseitsstellung bei Kamerun. Nchout brach nach der Rücknahme des Treffers auf dem Platz in Tränen aus, einige Auswechselspielerinnen schienen zu gestikulieren: "Aufhören!"

Kapitänin Gabrielle Aboudi Onguene hatte Mühe, ihre Mitspielerinnen zu beruhigen, schaffte es dann aber erneut, eine Fortsetzung der Partie zu ermöglichen. Doch erfolgreicher wurde es aus Sicht Kameruns nicht mehr: Die eingewechselte Alexandra Takounda vergab die (nächste) große Chance zum 1:2 (53.), auf der anderen Seite traf Alex Greenwood nach einer Ecke zum entscheidenden 3:0 für die Engländerinnen (58.). Einen möglichen Foulelfmeter für England gab Referee Liang Qin nach dem nächsten Videostudium nicht (78.). Den letzten Videobeweis der Partie gab es schließlich in der zehnten (!) Minute der Nachspielzeit: Takounda sah danach nur Gelb für ein Foul an Houghton - und nicht Rot.

Die "Lionesses" bestreiten am Donnerstag (27.06.19, 21.00 Uhr) in Le Havre ihr Viertelfinale gegen Norwegen. Sicher ist: Ein weiterer Sieg dort wird dem Team von Trainer Phil Neville sicher nicht so leicht gemacht werden wie im turbulenten Achtelfinale gegen Kamerun, das ganz ohne Verlängerung fast 110 Minuten dauerte ...

FIFA Frauen WM 2019
England : Kamerun

23.06.19 17:30 Uhr, Finalrunde

England

Bardsley - Bronze, Houghton, Bright, Greenwood - Walsh, Kirby, J. Scott (78. Staniforth) - Parris (84. Williamson), White (64. Taylor), Duggan

3

Kamerun

Ngo Ndom - Leuko, Ejangue (64. Sonkeng), Johnson, Awona - Abam (68. Abena), Feudjio, Yango - Nchout, Aboudi Onguene - Enganamouit (53. Takounda)

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Ergebnis

  • 3:0 (2:0)

Tore

Strafen

Bes. Vorkommnisse

Ort

  • Valenciennes

Zuschauer

  • 20148

Schiedsrichter

  • Liang Qin (China)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | FIFA Frauen WM 2019 | 23.06.2019 | 17:15 Uhr

Stand: 23.06.19 19:33 Uhr