US-Nationaltorhüterin Hope Solo © imago/Icon SMI

Porträt

Hope Solo: Zwischen Genie und Wahnsinn

Ihre Qualitäten als Torhüterin sind unumstritten. Dennoch scheiden sich an der dreimaligen Olympiasiegerin Hope Solo die Geister. Die Nationalkeeperin der USA sorgte in der Vergangenheit durch einige Eskapaden für Schlagzeilen. "Die Leute lieben oder hassen mich", weiß die 33-Jährige um den Umstand, nicht "Everybody's Darling" zu sein.

Am Morgen des 27. September 2007 bittet Greg Ryan seine Torhüterin Hope Solo zu einem Einzelgespräch. Einige Stunden vor dem Semifinale bei der Weltmeisterschaft in China gegen Brasilien teilt der Nationaltrainer der USA der bis dahin gesetzten Keeperin mit, dass sie nur auf der Bank sitzen wird. Der Coach ist damit der Forderung von Kristine Lilly und Abby Wambach nachgekommen. Die Leistungsträgerinnen und Wortführerinnen des Teams hatten sich für einen Wechsel zwischen den Pfosten ausgesprochen. Für die von Ehrgeiz zerfressene Solo bricht eine Welt zusammen. Sie muss von außen machtlos mit ansehen, wie ihre Vertreterin Briana Scurry vier Gegentreffer kassiert. Amerikas Traum vom WM-Titel ist nach dem 0:4-Debakel geplatzt.

"Die Leute lieben oder hassen mich"

US-Nationaltorhüterin Hope Solo © picture-alliance/dpa Foto: Friso Gentsch

Hope Solo gewann mit den USA dreimal Olympia-Gold.

Solo nimmt anschließend kein Blatt vor den Mund. "Ich hätte die Bälle gehalten", diktiert sie den Journalisten in die Blöcke und stellt sich damit ins Abseits. Die Torhüterin muss alleine zurück in die Heimat fliegen. Ihre Nationalmannschaftskarriere scheint beendet. Aber wie so häufig im Leben von Hope Amelia Solo, so ihr vollständiger Name, wendet sich das Blatt wieder. Ein Jahr nach dem Skandal gewinnen die USA auch dank ihrer überragenden Leistungen Olympia-Gold in Peking - ein Trainerwechsel hatte die Rückholaktion möglich gemacht. "Everybody's Darling" ist die egozentrische Keeperin im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten jedoch bis heute nicht. Ein Umstand, der Solo allerdings maximal peripher tangiert. "Ich zeige jedem den Mittelfinger und sage: Denkt, was ihr wollt. Ich bin ich", erklärte sie dem Sportsender "ESPN". Ihr ist bewusst, dass sie polarisiert: "Entweder die Leute lieben oder hassen mich."

Schwere Kindheit

Aus den Worten der Torhüterin klingt häufig Verbitterung. Sie hat einmal gesagt: "Mein Leben bietet eine Fülle von Dramen." Um den Menschen Hope Solo zu verstehen, bedarf es eines Blickes in ihre Kindheit. Die in Richland (Bundesstaat Washington) geborene Fußballerin kämpft bis heute mit ihrer Vergangenheitsbewältigung. Ein harmonisches Familienleben hat sie nie kennengelernt. Ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihr Vater Jeffrey, ein früherer Boxer und traumatisierter Vietnam-Veteran, lassen sich scheiden, als sie sechs Jahre alt ist. Nach der Trennung holt der Vater seine Kinder eigenmächtig zu sich und wird daraufhin wegen Entführung verhaftet. Später, nachdem er seine Freiheitsstrafe abgesessen hat, lebt er obdachlos in den Wäldern rund um Seattle, versucht, in der Wildnis seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Nachdem der Kontakt zwischendurch abgebrochen war, bauen Hope und Jeffrey Solo in dieser Zeit wieder ein inniges Verhältnis zueinander auf. "Er besuchte jedes meiner College-Spiele - bei jedem Wetter. Er ist kilometerweit gelaufen. Er tat alles, was er konnte. Von meinem Vater habe ich so viel gelernt", berichtete die Sportlerin später.

US-Team

Solo: Das "Enfant terrible" im Tor der USA

Von der Stürmerin zur Torhüterin umfunktioniert

Anders aber als ihr Vater steht Hope Solo bald auf der Sonnenseite des Lebens. Der Fußball öffnet ihr die Tür in eine bessere Zukunft. Hatte sie zu ihrer High-School-Zeit noch als Stürmerin gespielt, wird im College-Team von Washington ihr Talent als Keeperin erkannt und gefördert. Bereits im Alter von 18 Jahren debütiert sie im Nationalteam, zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen reist Solo als Ersatztorhüterin und gewinnt mit den USA die Goldmedaille. Zu einem Einsatz kommt sie allerdings nicht. Scurry ist zu diesem Zeitpunkt die Nummer eins. Doch der Wachwechsel steht bevor. Solo besticht durch konstant herausragende Leistungen und modernes Torwartspiel. 2006 stellt sie mit 1.054 Minuten ohne Gegentreffer einen Rekord im US-amerikanischen Frauenfußball auf. Sie ist nun die unumstrittene Nummer eins. Bis zu jenem WM-Semifinale am 27. September 2007 in Hangzhou gegen Brasilien.

Wenig Bewunderung für "goldene Generation"

Ihre Versetzung auf die Bank hat die 33-Jährige bis heute nicht verstanden und verarbeitet. "Er hat die schlechteste Entscheidung in der Geschichte des US-Fußballs getroffen", sagte sie im Interview mit "ESPN" über Coach Greg Ryan. Dass die damalige Kapitänin Kristine Lilly den Trainer mehr oder weniger zum Torwart-Wechsel gedrängt hatte, hat Solo ebenfalls nicht vergessen. Schon gar nicht verziehen. Lilly, mit 352 Länderspielen Weltrekordhalterin, ist für die Keeperin eine Persona non grata: "Ich habe jeglichen Respekt vor ihr verloren." Überhaupt hält sich ihre Bewunderung für die "goldene Generation" des amerikanischen Frauenfußballs um jene Lilly sowie weiteren Stars wie Mia Hamm oder Brandy Chastain in Grenzen. "Warum sollte es für mich wichtig sein, ein Verhältnis zur Vergangenheit zu haben? Es ist jetzt eine neue Generation von Spielerinnen", sagte sie.

Sundhage ebnet Weg zum Comeback

US-Nationaltorhüterin Hope Solo (l.) und Trainerin Pia Sundhage © imago/Sven Simon

Erfolgsduo: Solo und Trainerin Pia Sundhage (r.).

Es scheint, als habe sie keine Schlüsse aus ihrem Fehlverhalten nach dem Weltmeisterschaftshalbfinale 2007 gezogen. Oder zumindest nicht die richtigen. Solo provoziert und polarisiert weiter. Dabei schlug ihr damals der blanke Hass entgegen. "Es war, als hätte ich eine ansteckende Krankheit: 30 Personen reden nicht mit dir", erzählte sie später. Pia Sundhage, die 2008 auf Ryan folgt, ebnet Solo schließlich den Weg zum Comeback im Nationalteam. Der schwedischen Trainerin gelingt es, die verhärteten Fronten zwischen der Keeperin und Teilen der Mannschaft zu lockern. Solo zahlt das Vertrauen der Übungsleiterin mit Leistung zurück. Sie hat großen Anteil an den Olympiasiegen 2008 und 2012 sowie der Vizeweltmeisterschaft 2011. Dabei ist die Torhüterin seit einer Schulteroperation 2010 stark gehandicapt. Ein Gelenkknorpel ist beinahe nicht mehr vorhanden, die Schmerzen sind zuweilen kaum zu ertragen. Die "Frankfurter Rundschau" schrieb dazu einmal treffend: "Die körperlichen Qualen erträgt sie. Weil sie noch nach seelischem Balsam lechzt."

Privatleben Fundgrube für den Boulevard

US-Nationaltorhüterin Hope Solo © imago/Apress

Solo veröffentlichte 2012 ihre Autobiografie: "A Memoir of Hope".

Dabei hat Solo es längst allen bewiesen. Sie ist mehrfach für ihre Leistungen ausgezeichnet worden. Der Fußball und insbesondere einige Werbeverträge haben sie zu einer vermögenden Frau gemacht. Sie hat der Öffentlichkeit in ihrer 2012 erschienenen Autobiografie: "A Memoir of Hope" so ziemlich alles aus ihrem Leben mitgeteilt. Auch die für attraktive weibliche Sportstars heutzutage beinahe schon obligatorischen Nacktaufnahmen hat Solo gemacht. Den Boulevard bedient die Keeperin, die mit dem früheren Football-Profi Jerramy Stevens verheiratet ist, regelmäßig unfreiwillig mit Geschichten aus ihrem Privatleben. Beispielsweise im Juni 2014, als die Polizei die 33-Jährige wegen des Verdachts der häuslichen Gewalt gegen ihre Schwester und einen Neffen festnimmt. Einige Monate später wird sie für 30 Tage aus dem US-Team suspendiert. Solos Mann war alkoholisiert am Steuer erwischt worden. Sie saß auf dem Beifahrersitz und pöbelte die Polizisten an. Die Torhüterin akzeptiert ihre Teilzeit-Verbannung aus der Nationalmannschaft. "Ich entschuldige mich dafür, meine Mitspielerinnen, Trainer und den Verband enttäuscht zu haben, die mich immer unterstützt haben", schreibt sie anschließend auf ihrer "Facebook"-Seite. Es scheint, als sei Hope Amelia Solo ein wenig geläutert. "Everybody's Darling" wird sie aber wohl dennoch nicht mehr. Aber das ist ja auch gar nicht das Bestreben der eigenwilligen Torfrau.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 04.06.15 13:45 Uhr