Die deutsche Nationaltorhüterin Nadine Angerer © picture-alliance/dpa Foto:  Carmen Jaspersen

Deutsches Team

Abpfiff für Angerer: Mit WM-Bronze belohnen

von Ines Bellinger aus Edmonton

Bei ihrem Debüt als 17-Jährige hat Nadine Angerer ihren Libero noch gesiezt. Vor ihrem Abschied im "kleinen WM-Finale" feuerte die Torhüterin eine Breitseite gegen Kritiker Colin Bell ab.

Null oder hundert, so sagt Thronfolgerin Almuth Schult über die Nationaltorhüterin Nadine Angerer, dazwischen gibt es nichts bei "Natze". Vor ihrem 146. und definitiv letzten Länderspiel am Samstag im kleinen Finale“ gegen England (4.7.2015/22 Uhr MESZ, live im Ersten und bei sportschau.de) war Angerer sogar auf hundertachtzig. Schuld daran war die Kritik an der Spielweise der deutschen Fußballerinnen, die selbst eigentlich recht zufrieden sind mit ihrem WM-Auftritt. Colin Bell, Trainer des Champions-League-Siegers 1. FFC Frankfurt, hatte nach dem verlorenen Halbfinale gegen die USA (0:2) in mehreren deutschen Zeitungen fehlende taktische Flexibilität und mangelnden Mut zu personellen Wechseln angeprangert.

"Das macht mich richtig sauer"

Während sich die noch in FFC-Diensten stehende Saskia Bartusiak aus nachvollziehbaren Gründen um eine Bewertung dieser Äußerungen drückte ("Was mein Trainer genau damit meinte, kann ich jetzt auch nicht sagen"), scheute Angerer sich nicht davor, eine Breitseite gegen den Coach ihres ehemaligen Arbeitgebers abzufeuern: "Eigentlich macht mich das richtig sauer", sagte sie in Edmonton. "Wenn man keine Ahnung hat, muss man erst mal die Hintergründe kennen." Süffisant schob sie noch hinterher: "Das Schöne ist, dass er ja auch Trainer ist und es dann in seinem eigenen Verein besser machen kann." Sie sehe das komplett anders als Bell, das DFB-Team habe fantastische Spiele gezeigt gegen Schweden und Frankreich. "Es war kein einfacher Weg gegen drei Teams aus den Top Ten der Welt, aber wir haben den super bestritten, mit einem unglaublichen Teamgeist, mit unglaublich hoher Qualität", sagte die 36-Jährige dem ARD-Hörfunk. "Wir haben kleine Fehler gemacht, vor allem beim Torabschluss, dafür müssen wir uns kritisieren. Das sind aber Sachen, an denen die junge Mannschaft reifen kann."

Für "Goldenen Handschuh" nominiert

DFB-Torfrau Nadine Angerer hält den entscheidenden Elfmeter. © Witters Foto: Eric Bolte

Elfmeterheldin gegen Frankreich: Nadine Angerer.

So wie es wohl kein Zufall war, dass die Bell-Kritik am DFB-Team zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form geäußert wurde, so wenig überrascht es, dass Nadine Angerer eine Meinung dazu hat - und sie auch äußert. Die klare Haltung, die natürliche Autorität, die Führungsqualitäten der freiheitsliebenden "Frau mit der Mütze" werden der Nationalmannschaft künftig ebenso fehlen wie das immer noch überragende sportliche Niveau der "Weltfußballerin" von 2013. "Letztendlich ist es ja auch mein Job, als Torwart eine gute Performance abzuliefern", wiegelte sie ab. Eine Untertreibung, wie nicht nur Torwarttrainer Michael "Michl" Fuchs findet: "Sie war absolut konzentriert, vom ersten Anpfiff weg und hat sehr souverän gespielt. Das hat mich unheimlich gefreut und mich sehr stolz gemacht auf sie." Nicht von ungefähr wurde Angerer zusammen mit Hope Solo (USA) und Ayumi Kaihori (Japan) von der FIFA auf die Shortlist für die Auszeichnung mit dem "Goldenen Handschuh" gesetzt.

Bartusiak: "Wir werden sie sehr, sehr vermissen"

Sentimentalitäten oder gar einen Blick zurück auf 145 Länderspiele wollte Angerer sich vor ihrem unweigerlich letzten Einsatz nicht erlauben: "Für Wehmut habe ich noch keine Zeit, dafür bin ich viel zu fokussiert." Aber andere kramten schon mal in der Mottenkiste. Doris Fitschen erinnert sich noch genau an den 18. September 1996, an dem die damals 17 Jahre alte Rebellin gegen Island ihr erstes Länderspiel bestritt: "Ich habe Libero gespielt, stand an der Mittellinie, plötzlich höre ich so von zwei Meter hinter mir: Frau Fitschen, können Sie vielleicht ein bisschen weiter nach links gehen?", erzählte die heutige Teammanagerin der Sportschau. "Sie hatte damals extrem großen Respekt. Inzwischen siezt sie mich zumindest nicht mehr …"

Auch Saskia Bartusiak ist ein große Strecke des Weges zusammen mit Angerer gegangen und hat mit ihr stets an einem Strang gezogen, wenn es galt, die Mannschaft in schwierigen Situationen wieder auf Kurs zu bringen. "Sie hat immer einen lockeren Spruch drauf, kann sich aber auch, wenn es sportlich zur Sache geht, auf den Punkt konzentrieren und ihre Leistung abrufen", sagte sie über Angerer. "Wir werden sie als Persönlichkeit, als Mensch, als Kapitän sehr, sehr vermissen."

"Wir wollen uns mit Platz drei belohnen"

Noch ein letztes Mal will Angerer im Nationaltrikot nun eine Topleistung abrufen und die DFB-Frauen gegen die im Halbfinale unglücklich gescheiterten Engländerinnen (1:2 gegen Japan) zu WM-Bronze zu führen. "Ich glaube, es würde dem Turnier nicht gerecht werden, mit zwei Niederlagen nach Hause zu fahren. Dafür sind wir zu gut. Wir als Mannschaft wollen uns mit Platz drei auch belohnen", sagte sie. "Außerdem wird die Party danach umso besser."

Fragt man ihre Mitspielerinnen, so beteuern sie, dass für "Natze" keine Verabschiedungszeremonie geplant ist. "Ich denke, dass der Abend spontan wird", sagte Almuth Schult der Sportschau. "Das wird sie auch so wollen, denn sie mag es nicht, wenn man sie so groß in den Fokus stellt und eine Rede vorbereitet. Sie schätzt es, wenn was Spontanes kommt, von Herzen, so wollen wir sie auch verabschieden." Mit ihren Konkurrentinnen Schult und Laura Benkarth hat Angerer - auch das ist ungewöhnlich - freundschaftliche Bande geknüpft. "Wir sind wirklich eine sehr coole Torwarttruppe und vertrauen uns total", erzählte die scheidende Nummer eins, die zwischen den Pfosten ein bestelltes Feld hinterlässt: "Sportlich bin ich von beiden total überzeugt. Ich halte von Almuth und Laura sehr, sehr viel. Da müssen wir uns auf keinen Fall Sorgen machen."

Nach der WM Countdown in Portland

Dass sie nicht ganz aus dem Dunstkreis des Nationalteams verschwinden will, hat Angerer schon mehrfach angekündigt. Abgesehen davon, dass sie hart daran arbeitet, im Mannschafts-Chat bleiben zu dürfen, plant sie, so viele Länderspiele wie möglich live zu sehen. Außerdem möchte sie ihre Trainerlizenz ablegen, bei verschiedenen Coaches hospitieren, in ihrem Haus auf Fuerteventura das eine oder andere ausbessern, ihrem Tauch-Hobby frönen … Ganz schön viel dafür, dass sie ursprünglich vorhatte, zunächst gar nichts zu machen: "Mein Plan ist, erstmal keinen Plan zu haben."

Sofort nach der WM kann sie den Hebel aber ohnehin nicht auf Fußball-Rente umlegen. Nach dem "kleinen Finale" wird Angerer zunächst von Edmonton nach Portland reisen, wo sie mit den Thorns noch die Saison in der amerikanischen National Women's Soccer League zu Ende spielen wird. Wann dort der letzte Vorhang fällt, ist noch nicht ganz klar, weil der Meister von 2013 noch die Play-offs erreichen könnte. "Es ist ein bisschen verrückt", sagte sie. "Am Mittwoch oder Donnerstag fliege ich schon wieder nach New York zum Ligaspiel. Das sind auch wieder sechs Stunden Flug, plus drei Stunden Zeitverschiebung. Es geht alles Schlag auf Schlag." Und unversehens ist man im Fußball-Ruhestand.

Das sagen ihre Kolleginnen in der Sportschau über "Natze"

Lena Goeßling: "Sie ist ein lustiger Typ und wird auf jeden Fall fehlen. Sie bringt einen zum Lachen , auch wenn mal schlechte Stimmung ist."
Tabea Kemme: "Abenteuerlustig und ziemlich verrückt."
Almuth Schult: "Für mich ist Natze immer null oder hundert - da gibt es nichts dazwischen."
Torwarttrainer Michael Fuchs: "Im Sport: konzentriert und ehrgeizig. Im normalen Leben: einfach nur außergewöhnlich."
Managerin Doris Fitschen: "Lebensfroh, positiv neugierig, verpeilt. Noch immer chaotisch, aber Weltklasse."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 03.07.15 07:16 Uhr