Brandi Chastain bejubelt den Sieg der USA im WM-Finale 1999 © imago/Hoch Zwei/Sportstock

USA 1999

Ein amerikanisches Sommermärchen

Drei Jahre nach dem Olympia-Sieg 1996 im eigenen Land triumphierten die Fußballerinnen der USA auch bei der Heim-Weltmeisterschaft. Das Turnier setzte in puncto Zuschauerzuspruch und Medienpräsenz neue Maßstäbe. Die deutsche Mannschaft scheiterte im Viertelfinale an den Gastgeberinnen.

Gao Hong muss diesen Penalty halten. Dafür ist der Keeperin der chinesischen Auswahl jedes Mittel recht. Sie bedient sich der psychologischen Kriegsführung. Hong setzt ihr breitestes Lächeln auf, sucht mit ihren Augen Blickkontakt zu Brandi Chastain und hält sich dann die Hände vors Gesicht. Doch die US-amerikanische Verteidigerin, fünfte Schützin ihres Teams im WM-Finale, schaut zu Boden. "Als ich zum Elfmeter ging, dachte ich nur: 'Guck nicht in die Augen der Torhüterin'", verrät sie später. 90.185 Zuschauer im Rose Bowl zu Pasadena, unter ihnen Präsident Bill Clinton, stockt der Atem, als Chastain anläuft. Sie schießt halbhoch ins rechte Eck, Hong ahnt die Ecke, streckt sich aber vergeblich. Die USA haben das Endspiel mit 5:4 (0:0, 0:0) im Elfmeterschießen gewonnen und sind zum zweiten Mal Weltmeister.

"Sie haben gewonnen, weil sich nicht verlieren wollten"

Mia Hamm küsst nach dem Finale 1999 den WM-Pokal © imago/Hoch Zwei/Sportstock

Am Ziel der Träume: US-Star Mia Hamm küsst den WM-Pokal.

Der Jubel beim Team von Coach Tony DiCicco kennt anschließend keine Grenzen mehr. Chastain geht auf die Knie, reißt sich euphorisiert das weiße Jersey vom Leib und ballt die Fäuste. Das Bild von der am Oberkörper nur noch mit einem schwarzen Sport-BH bekleideten Abwehrspielerin geht um die Welt. "Im Männerfußball ist es eine normale Freudengeste, sich das Trikot auszuziehen. Ich wollte damit zeigen: 'Ich bin eine starke Frau, ich bin stolz, das bin ich'", erklärt sie amerikanischen TV-Sendern. Ein Satz, der auch auf ihre Mannschaftskameradinnen zutrifft. Die Gastgeberinnen haben dem enormen Druck und der Erwartungshaltung im eigenen Land standgehalten. "Sie haben gewonnen, weil sie nicht verlieren wollten. Die Elf hat eine Erfolgsstory geschrieben, die ihren Platz in der Geschichte einnehmen wird", lobte DiCicco seine Weltmeisterinnen.

DFB-Team im Viertelfinale gegen USA

Doch der amerikanische Traum vom Sieg bei der Heim-WM wäre beinahe bereits im Viertelfinale geplatzt. Nach drei deutlichen Siegen in der Gruppenphase (3:0 gegen Dänemark, 7:1 gegen Nigeria und 3:0 gegen Nordkorea) heißt der Gegner in der Runde der letzten Acht am 1. Juli 1999 in Washington D.C. Deutschland. Die 54.642 Zuschauer sehen eine dramatische Begegnung, in der die DFB-Auswahl in der fünften Minute durch ein Eigentor von Chastain in Führung geht. Ein verunglückter Rückpass der späteren Finalheldin auf Keeperin Briana Scurry trudelt ins Gehäuse. Aber die Gastgeberinnen können mit freundlicher Unterstützung von Steffi Jones schnell egalisieren. Einen Patzer der deutschen Verteidigerin nutzt Tiffeny Milbrett zum 1:1 (16.). Bereits in den Gruppenspielen gegen Italien (1:1) und Brasilien (3:3) hatten individuelle Fehler zu Gegentoren des Teams von Trainerin Tina Theune-Meyer geführt. Einzig im Duell mit Mexiko (6:0) hielt sich die Abwehr schadlos. So reichte es nur zu Rang zwei hinter Brasilien. Sonst wäre es in der Runde der letzten Acht gegen Nigeria gegangen. Eine gewiss angenehmere Aufgabe als das Duell mit den USA.

Zwei Kopfballtore führen zu unglücklicher Niederlage

Aber die Deutschen verkaufen sich gegen den Olympiasieger teuer. Sekunden vor der Pause gelingt Wiegmann mit einem präzisen Schuss aus 20 Metern ins linke obere Eck die erneute Führung (45.) - ein Traumtor. Nun muss sich zeigen, wie es um das Nervenkostüm der in den vorigen Spielen kaum bis gar nicht geforderten Gastgeberinnen bestellt ist. Die US-Amerikanerinnen halten dem Druck stand. Auch, weil Deutschland bei zwei Eckstößen schlecht verteidigt. Nutznießerinnen sind Chastain (49.) sowie Joy Fawcett (66.). Beide sind per Kopf erfolgreich. Während Präsident Clinton und seine Frau Hillary den 3:2-Sieg begeistert feiern, kullern DFB-Angreiferin Birgit Prinz Tränen über die Wangen. Trainerin Theune-Meyer ist trotz des unglücklichen Ausscheidens stolz auf ihre Mannschaft: "Wir haben gezeigt, daß wir auf hohem Niveau mit den Besten mithalten können."

China demütigt Titelverteidiger Norwegen

Die Norwegerin Unni Lehn (l.) im Duell mit der Chinesin Bai Jie © imago/UPI Photo

Die Norwegerinnen um Unni Lehn (l.) waren im Semfinale chancenlos.

Neben den USA ziehen China (2:0 gegen Russland), Norwegen (3:1 gegen Schweden) und Brasilien (4:3 nach Verlängerung gegen Nigeria) in die Vorschlussrunde ein. Im ersten Semifinale setzen sich die Gastgeberinnen vor 73.123 Zuschauern in San Francisco gegen Brasilien mit 2:0 durch. Cindy Parlow (5.) sowie Michelle Akers per Strafstoß (80.) erzielen die Treffer. Die "Seleção" stellt in Sisleide do Amor Lima, kurz Sisi, die erfolgreichste Turnier-Torschützin (sieben Treffer). Zudem gewinnen die Südamerikanerinnen das Spiel um Platz drei gegen Norwegen mit 5:4 (0:0, 0:0) im Elfmeterschießen. Die Skandinavierinnen, als Titelverteidiger in die USA gereist, waren im Halbfinale von China gedemütigt worden. 0:5 (0:2) hieß es nach 90 einseitigen Minuten in Boston.

Neuauflage des Olympia-Endspiels

Die Asiatinnen gehen dementsprechend keineswegs als Außenseiterinnen in das Endspiel. Zudem wollen sie Revanche nehmen für das verlorene Olympia-Finale 1996 in Athens/Georgia. Damals waren sie den USA mit 1:2 (1:1) unterlegen. Die Mannschaft von Coach Ma Yuanan ist den Gastgeberinnen dann auch ebenbürtig. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung steht es 0:0. Das Elfmeterschießen muss entscheiden.

Ying scheitert - Chastains Millionenschuss

Carla Overbeck (l.) und Brandi Chastain bejubeln den Sieg der USA im WM-Finale 1999 © imago/Icon SMI

Brandi Chastain (r.) verwandelte den entscheidenden Strafstoß für die USA.

Die ersten beiden Schützinnen beider Teams treffen. Dann schreitet Liu Ying zum "ominösen Punkt". "Ihre Körpersprache war furchtbar. Sie sah so aus, als wenn sie nicht schießen wollte. Ich sah es und dachte: 'Das wird der eine'", erklärte US-Keeperin Scurry. Sie kann den schwachen Versuch der Chinesin parieren. Im Anschluss verwandeln Kristine Lilly und Mia Hamm für den Olympiasieger, Zhang Ouying und Sun Wen sind für das Yuanan-Team erfolgreich. Chastain hat es nun in der Hand beziehungsweise auf dem Fuß, den zweiten WM-Triumph Amerikas perfekt zu machen. Sie trifft, geht auf die Knie und zieht sich ihr Trikot aus. Das Tor macht die USA zum Weltmeister und Chastain zur Millionärin. Ein Sportartikelhersteller stattet sie mit einem hochdotierten Vertrag aus. Doch reduzieren lassen will sich die aus Kalifornien stammende Verteidigerin nicht auf ihre berühmt gewordene Freudengeste. Ihre Autobiographie trägt den Titel: "Es geht nicht um den BH".

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr