Die deutsche Nationalspielerin Tabea Kemme (l.) im Zweikampf mit der Brasilianerin Marta © imago/Annegret Hilse

Abwehr

Tabea Kemme: Wilde Polizeikommissarin in spe

Sie sieht sich als "Frau fürs Grobe", die Bundestrainerin schätzt ihre Power und ihren Willen. Privat scheut Tabea Kemme kein Risiko - außer wenn es um ihre berufliche Zukunft geht.

Wenn besondere Mutproben anstanden, war Tabea Kemme schon als Kind ganz vorn dabei. Und auch heute lässt die Defensivspezialistin keine Gelegenheit aus, sich ein bisschen Nervenkitzel zu holen: "Ich liebe die Herausforderung, und ich bin ein bisschen verrückt", sagt die Frau, die als ihr Lebensmotto ausgerufen hat: "No risk, no fun". Wakeboarden, Snowboarden, Skifahren. Selbst Base Flying hat sie schon ausprobiert, ist in Berlin vom Park Inn Hotel gesprungen - an einer Seilwinde, 125 Meter in die Tiefe. Und weil's so schön war, wollte sie gleich noch höher hinaus. Ihre Mannschaftskolleginnen bei Turbine Potsdam schenkten ihr einen Tandem-Fallschirmsprung. Sich in 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug fallen lassen? No risk, no fun.

Autark und willensstark

Wobei, so ganz stimmt das nicht, denn was ihre Lebensplanung betrifft, geht "Tabi" gar kein Risiko ein. Der mit zwei Schwestern auf einem Bauernhof in Geversdorf zwischen Weser- und Elbemündung aufgewachsene Wildfang probierte zwar schon immer gern alles aus, doch nach dem Wechsel von ihrem Heimatverein SG Freiburg/Oederquart nach Potsdam im Jahr 2006 erwachte Kemmes Ehrgeiz. Ihre sportliche Entwicklung verlief schnurgerade: Mit 17 gab sie ihr Bundesliga-Debüt, 2008 wurde sie U17-Europameisterin, zwei Jahre später U20-Weltmeisterin. Mit Turbine gewann sie vier deutsche Meistertitel, 2010 half sie mit, den Champions-League-Pokal nach Potsdam zu holen. Doch statt eine Profikarriere anzustreben, kümmerte sich Kemme um ihre berufliche Zukunft. "Fußball füllt mich nicht aus", sagt sie. "Ich brauche neben dem Training eine Lebensaufgabe." Nach dem Abitur begann sie eine Ausbildung zur Polizeikommissarin, 2017 will sie mit dem Studium fertig sein. Und was sie will, zieht sie durch. Aus rein praktischen Gründen verlängerte sie ihren Vertrag in Potsdam, Wechseloptionen hat sie gar nicht erst geprüft. "Die finanzielle Ebene ist für mich nicht relevant", sagte sie der "Berliner Morgenpost".

"Jedes Spiel ist ein Kick für mich"

Steckbrief Tabea Kemme

Position: Abwehr
Trikotnummer: 22
Verein: Turbine Potsdam
geboren am: 14. 12. 1991 in Stade
Größe: 170 cm
Gewicht: 56 kg
Länderspiele: 19
Länderspieltore: 0
Länderspiel-Debüt: 27. November 2013 gegen Kroatien (8:0)
größte Erfolge im Nationalteam: U20-Weltmeisterin 2010

Um Ausbildung und Fußball unter einen Hut zu bekommen, nimmt Kemme lange Arbeitstage in Kauf. Wenn sie bei der Polizei in die Nachtschicht muss, absolviert sie vorher manchmal noch ein Einzeltraining in Babelsberg. Einige Zeit führte die ehrgeizige Blondine die "Torbienen" als Kapitänin an, doch das Amt hat sie wieder abgegeben. Wie es heißt, ist sie mit ihrer geradlinigen Art öfter mal beim Trainer angeeckt. Sie selbst sagt, ihr war die Doppelbelastung zu hoch. Trotzdem ist sie ein Muster an Konstanz und bei den Brandenburgerinnen längst unverzichtbar geworden. Sie sieht sich als "Frau fürs Grobe", scheut keinen Zweikampf und spult ein unglaubliches Laufpensum ab. Bundestrainerin Silvia Neid schätzt "ihre Power, ihren Willen und ihre Dynamik", bei Fitnesstests gehört Kemme stets zu den Besten. Mittlerweile orientieren sich viele Spielerinnen an der Frau, die offensichtlich keine Zweifel kennt. "Ich bin der Wettkampftyp", sagt sie. "Jedes Spiel ist ein Kick für mich, da wird abgerechnet, was man unter der Woche trainiert."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 04.07.15 22:32 Uhr