Silvia Neid © dpa - Bildfunk Foto: Carmen Jaspersen

Trainerin

Silvia Neid: Die "Lichtgestalt" des Frauenfußballs

Die Fußball-Pionierin Silvia Neid hat Außergewöhnliches geschafft: Sie war an allen deutschen Titelgewinnen beteiligt. Nun neigt sich ihre Karriere als Bundestrainerin dem Ende. Zum Abschluss will Neid mit ihrem Team zum dritten Mal Weltmeister werden.

Wenn Silvia Neid als Spielerin etwas gehasst hat, dann waren es die Vergleiche mit den Männern. Auf die Frage, ob sie der Lothar Matthäus des Frauenfußballs sei, hat sie einmal geantwortet, dass ihr dafür die entscheidenden fünf Gramm an ihrem Körper fehlen. Im Gegensatz zu Matthäus ist sie als Aktive auch nie Weltmeisterin geworden. Dennoch ist die sie eine "Lichtgestalt" im deutschen Frauenfußball, eine, die Pionierarbeit geleistet hat. Als Spielerin und Trainerin war sie an allen Titelgewinnen des DFB direkt beteiligt. Nun hat sie das große Finale eingeläutet. Neid hat angekündigt, nach den Olympischen Spielen 2016 ihren Posten der ehemaligen Nationalspielerin Steffi Jones zu überlassen. Auf der Zielgeraden ihrer Karriere will sie vorher noch den dritten WM-Titel mit dem DFB-Team holen. Scheitert sie in Kanada jedoch am Minimal-Ziel Olympia-Qualifikation, wird sie Jones das Ruder wohl schon früher übergeben und dann die Leitung der neuen Scoutingabteilung im DFB übernehmen.

Der Star der frühen Jahre

Silvia Neid bejubelt den EM-Titel 1995 © imago/Sven Simon

Silvia Neid mit dem EM-Pokal 1995.

Die blonde junge Frau aus dem Wallfahrtsort Walldürn im Odenwald war 18 Jahre alt, als die DFB-Frauen zum ersten offiziellen Länderspiel antraten. Beim 5:1 gegen die Schweiz im Oktober 1982 in Koblenz schoss sie nach ihrer Einwechslung in der zweiten Hälfte zwei Tore. Damals spielte sie noch für den SC Klinge Seckach, ein Jahr später wechselte sie zum Serienmeister SSG 09 Bergisch Gladbach und 1985 zum TSV Siegen. Auf Vereinsebene holte die torgefährliche und technisch brillante Spielmacherin sieben deutsche Meistertitel und sechsmal den DFB-Pokal. Als Kapitän führte sie die Nationalmannschaft dreimal zum EM-Titel (1989, 1991, 1995) und schoss in 111 Länderspielen unter dem ersten Bundestrainer Gero Bisanz 48 Tore. Blond, attraktiv, erfolgreich und schlagfertig: "Silv" war das Aushängeschild der Anfangsjahre, der erste Medien-Star im Frauenfußball.

Deutsches Team

Silvia Neid: Von der Pionierin zur Grande Dame

Vogts überredet sie zur Trainer-Laufbahn

Dass die modebewusste Neid schließlich Trainerin wurde und nicht irgendwo eine Boutique eröffnete, ist Berti Vogts zu verdanken. Der damalige Bundestrainer hatte die Idee, sie zur Assistentin von Tina Theune-Meyer zu machen, obwohl Neid damals noch gar keinen Fußballlehrerschein hatte. So kam es, dass Neid nahtlos von der Spieler- in die Trainerkarriere hinüberglitt. Und auch in ihrer Titelsammlung gab es keinen Bruch: An der Seite von Theune-Meyer führte sie die Nationalmannschaft 2003 zum ersten WM-Triumph und zu drei weiteren EM-Titeln (1997, 2001, 2005).

Welt-Trainerin 2010 und 2013

Bundestrainerin Silvia Neid und José Mourinho bei der Ehrung der Welt-Trainer des Jahrs 2010 © imago Foto: imago

Silvia Neid (l.) und José Mourinho: die Welt-Trainer 2010.

Mit dem EM-Sieg 2005 zog sich Theune-Meyer zurück. Die neue Cheftrainerin Neid leitete einen Umbruch im Team ein, integrierte viele junge Spielerinnen und lieferte bei der Weltmeisterschaft 2007 ihr Meisterstück ab. Deutschland verteidigte als erstes Frauen-Team überhaupt den WM-Titel und gewann das Turnier ohne Gegentor, das hatte es zuvor weder bei den Frauen noch bei den Männern gegeben. Neid bekam das Bundesverdienstkreuz und bestätigte ihre Arbeit mit dem EM-Titel 2009. 2010 wurde sie zur Welt-Trainerin des Jahres gewählt, eine Ehre, die ihr 2013 erneut zuteil wurde. Die Fußballlehrerin, die gern Golf spielt und guten Rotwein schätzt, gilt als offen für Innovationen. Sie hat hohe Erwartungen an die Nationalspielerinnen und scheut sich nicht, harte Kritik zu üben. Disziplin ist bei ihr oberstes Gebot. "Wenn Trainer von Spielern geliebt werden, ist es schon vorbei", sagt sie.

Neid reagiert dünnhäutig auf Kritik

Angesichts der Erfolge der deutschen Fußballerinnen gab es kaum einmal Anlass, die Arbeit der Bundestrainerin in Frage zu stellen. Noch vor der Heim-Weltmeisterschaft 2011 wurde ihr Vertrag bis 2016 verlängert. Eine Silvia-Neid-Barbie-Puppe kam auf den Markt. Doch je näher das Turnier rückte, desto mehr stieg auch der öffentliche Druck auf sie. Es schien, als ginge mit der wachsenden Verantwortung ihre Leichtigkeit verloren. Neid reagierte zunehmend dünnhäutig, wenn sie sich Kritik ausgesetzt sah. Und als Krisenmanagerin während des Turniers gab sie auch keine gute Figur ab. Ihr Verzicht auf Rekordnationalspielerin Birgit Prinz war aus sportlichen Gründen nachvollziehbar, aber denkbar schlecht kommuniziert. Als sich im Viertelfinale gegen Japan schließlich das Aus abzeichnete, machte sie als Coach einen eher ratlosen Eindruck, wies anschließend aber jede Verantwortung von sich: "Ich mache mir gerade keine Vorwürfe. Außer vielleicht, dass ich den Ball nicht selbst in den Sechzehner getragen habe", sagte sie.

Neustart nach dem WM-Desaster

Steckbrief Silvia Neid

Position: Bundestrainerin seit 2005
geboren am: 2. 5. 1964 in Walldürn
Länderspiele als Aktive: 111
Länderspieltore: 48
Länderspiel-Debüt: 10. November 1982 gegen die Schweiz (5:1)
größte Erfolge als Spielerin: Europameisterin 1989, 1991; 1995, Vize-Weltmeisterin 1995
größte Erfolge als Trainerin: Weltmeisterin 2003 und 2007; Europameisterin 1997, 2001, 2005, 2009, 2013; Olympia-Bronze 2000, 2004, 2008
Auszeichnungen: FIFA-Welttrainerin 2010 und 2013, Bundesverdienstkreuz am Bande 2007

Als klar war, dass Deutschland neben dem WM-Titel auch die Olympia-Teilnahme in London verspielt hatte, stand auch der Job der Bundestrainerin zur Disposition - zumindest in der öffentlichen Meinung. Neid hatte als Trainerin die erste Niederlage überhaupt bei einer EM oder WM kassiert und zog sich zum Nachdenken zurück. Schon drei Tage später stand ihr Entschluss fest weiterzumachen. In der EM-Qualifikation blieb die deutsche Mannschaft dann in zehn Spielen ungeschlagen, gab nur beim 2:2 gegen Spanien Punkte ab und strahlte mit durchschnittlich sechs Toren wieder die gewohnte Dominanz aus. Als der Start ins EM-Turnier dann mehr als holprig verlief und die DFB-Frauen den Gruppensieg verpassten, stand Neid wieder im Fokus. Doch allen Unkenrufen zum Trotz führte sie ihre junge, im Hauruck-Verfahren runderneuerte Mannschaft wieder zum Titel und fühlte sich bestätigt. "Es macht mich sehr stolz, was diese junge Mannschaft wieder geleistet hat", sagte die Bundestrainerin nach dem Triumph im Finale gegen Norwegen (1:0). "Dieser Titel fühlt sich ganz besonders an."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 14.05.15 14:13 Uhr