Deutschlands Torhüterin Nadine Angerer (l.) hält einen Elfmeter. © dpa - Bildfunk Foto: Carmen Jaspersen

Tor

Nadine Angerer: Der etwas andere Lebensentwurf

Sie ist unangepasst, lässig - und so hat die Ausnahme-Torhüterin auch ihr Karriereende nach der WM angekündigt: "Eines Morgens bin ich aufgewacht und dachte: Ja, das mache ich jetzt, ich höre auf."

Intuitiv, chaotisch, ein bisschen verpeilt und vor allem lässig: Nadine Marejke Angerer, die alle nur "Natze" nennen, gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten in der DFB-Auswahl. Die Torfrau, die sich nur selten von ihrer Kopfbedeckung trennt, ist mit 36 Jahren die älteste deutsche Nationalspielerin, aber immer noch die Nummer eins. Selbstbestimmt wollte sie ihren Hut nehmen, und so hat sie vor der WM angekündigt, dass sie im Herbst ihre Fußballschuhe an den Nagel hängen will. Zwar sei sie noch topfit und könne noch zwei, drei Jahre auf höchstem Niveau spielen, aber: "Für mich war es auch wichtig, dass ich entscheide, wann ich aufhöre und nicht eine Verletzung oder jemand anderes mein Karriereende bestimmt."

Eine lange Geduldsprobe

Mehr als zehn Jahre lang hat die gebürtige Unterfränkin, die sich einst per Los zwischen Handball und Fußball entschied, auf ihre Chance warten müssen. Zwar feierte sie schon mit 17 Jahren ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft und sammelte die Titel reihenweise ein, doch sowohl beim WM-Gewinn 2003 als auch bei den EM-Siegen 1997, 2001 und 2005 kam sie nicht eine Minute zum Einsatz. Erst als sich Stammtorhüterin Silke Rottenberg Anfang 2007 einen Kreuzbandriss zuzog, rückte Angerer nach - und wie.

Novum in China: WM ohne Gegentor

Die Frau, die zu Beginn ihrer Karriere als trainingsfaul und undiszipliniert galt, aber noch immer jedes Gegentor als persönliche Niederlage ansieht, hielt ihren Kasten während des gesamten Turniers in China sauber. Das hatte bei einer WM zuvor noch niemand geschafft. Natürlich wurde die Weltmeisterin auch zur besten Torhüterin des Turniers gekürt und als WM-Heldin gefeiert. Ein Status, der ihr nicht behagte: "Eine Heldin war und bin ich nicht. Es ist mir sehr unangenehm, mich selbst zu feiern." Kaum aus China zurück, hetzte Angerer von Termin zu Termin. Sie war erschöpft, und das ließ ihr Körper sie spüren: Wegen einer Lungenentzündung, eines Magen- und Darminfektes sowie einer Medikamentenallergie musste sie acht Wochen pausieren. Ende 2007 kehrte Angerer Turbine Potsdam nach sechs Jahren den Rücken und schloss sich Djurgarden Stockholm an. Nach ihrer Rückkehr hatte die unternehmungslustige Keeperin lukrative Angebote aus den USA. Sie schlug sie aus, denn sie wollte vor der Heim-WM auch bei einem deutschen Klub spielen. Und so schloss sie sich Anfang 2009 dem 1. FFC Frankfurt an, im gleichen Jahr holte sie ihren ersten "richtigen" EM-Titel - als Nummer eins.

Ihr Outing sorgte für Schlagzeilen

Steckbrief Nadine Angerer

Position: Tor
Trikotnummer: 1
Verein: Portland Thorns/USA
geboren am: 10. 11. 1978 in Lohr/Main
Größe: 175 cm
Gewicht: 71 kg
Länderspiele: 146
Länderspieltore: 0
Länderspiel-Debüt: 27. August 1996 gegen die Niederlande (3:0)
größte Erfolge im Nationalteam: Weltmeisterin 2003 und 2007; Europameisterin 1997, 2001, 2005, 2009, 2013; Olympia-Bronze 2000, 2004, 2008
Auszeichnungen: Weltfußballerin 2013, Europas Fußballerin des Jahres 2013

Vor der WM 2011 war Angerer dann eine der gefragtesten Spielerinnen. Sie hatte Ende 2010 in einem viel beachteten Interview freimütig über ihre sexuelle Orientierung gesprochen. "Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde", sagte sie dem "Zeit Magazin". Aber auch sonst lieferte ihr "etwas anderer Lebensentwurf" (Nia Künzer über Angerer) jede Menge Stoff für Geschichten: Angerer trägt Second-Hand-Klamotten, geht auf Demos, hört gern Reggae und Ska und ist früher mit einem alten Feuerwehrbus durch die Gegend gefahren. Sie ist neugierig auf ferne Länder, fremde Menschen und liebt ihre Freiheit über alles. Sie hat eine Ausbildung zur Kamerafrau begonnen, dann Veranstaltungstechnikerin gelernt und schließlich zur Physiotherapeutin umgeschult. Nach ihrer Karriere will sie den Trainerschein machen, vor allem aber "Lebenskünstlerin" bleiben und ihrem Hobby Tauchen frönen. Auf Fuerteventura hat sie sich für später ein Haus gekauft, um dicht dran zu sein an ihren Lieblings-Tauchspots.

"Natze" wird zur Elfmeter-Killerin

Nadine Angerer bei der Wahl zur Weltfußballerin 2013 in Zürich an der Seite von Cristiano Ronaldo. © Witters Foto: Andreas Meier

Nadine Angerer an der Seite von Cristiano Ronaldo bei der Wahl zu den Weltfußballern 2013.

Lieber noch hätte die sprunggewaltige und vor allem auf der Linie starke Angerer mit dem WM-Titel im eigenen Land Schlagzeilen gemacht, doch es kam anders. Die Gastgeberinnen verloren ihr Viertelfinale gegen Japan mit 0:1 nach Verlängerung. "Surreal" nannte die Torfrau kurz nach dem Abpfiff den Absturz aus allen Titelträumen. Und sie gab zu, dass sie beim entscheidenden Tor von Karina Maruyama nicht gut aussah, weil sie die kurze Ecke nicht zumachte. Für Silvia Neid blieb "Natze" trotzdem erste Wahl. Nach dem Abgang von Birgit Prinz wurde die Torhüterin von der Bundestrainerin zur Spielführerin ernannt. Wie fit sie noch immer ist, stellte Angerer bei der EM 2013 unter Beweis. Sie nahm vor dem Turnier sechs Kilo ab, kassierte nur ein Gegentor und hielt beim 1:0 gegen Norwegen im Finale zwei Elfmeter. Danach ereilte sie eine Auszeichnung nach der anderen: Beste Spielerin der WM, "Europas Fußballerin des Jahres", und sie wird zur "Weltfußballerin" gewählt, als erste Torhüterin überhaupt.

Weltenbummlerin mit Autobiografie

Im Herbst ihrer Karriere erschien ihre Autobiografie ("Im richtigen Moment - Meine Story"), in der ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Vorgängerin Silke Rottenberg viel Raum einnimmt und sie harte Kritik an den Verantwortlichen ihres Ex-Klubs 1. FFC Frankfurt übt. Mit einem doppelten Auslandsengagement bei Brisbane Roar in Australien und den Portland Thorns in den USA erfüllte sich die Weltenbummlerin zudem noch einen Wunschtraum. "Alter entsteht im Kopf", sagt sie. "Und da bin ich sehr jung geblieben."

Porträt

Die etwas andere Torfrau: Nadine Angerer

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 04.07.15 22:29 Uhr