Celia Sasic fasst sich an den Kopf. © picture alliance / landov Foto: Xinhua/Ding Xu

Deutsches Team

DFB-Frauen: Erst im Glück, dann tragisch gescheitert

von Ines Bellinger aus Montréal

Statt zum WM-Finale nach Vancouver fliegen die deutschen Fußballerinnen zum Spiel um Platz drei nach Edmonton. Am Elfmeterpunkt geht Celia Sasic binnen vier Tagen durch Himmel und Hölle.

Für einen Moment schien es, als sei Celia Sasic ihrer letzten Aufgabe an diesem Abend nicht gewachsen. Ihre verweinten Augen auf den Boden gerichtet, stand sie in der Mixed Zone des Olympiastadions von Montréal, nestelte an ihrem Taschentuch, schniefte, und ihre Stimme drohte zu kippen, als sie einen Einblick in ihre "beschissene" Seelenlage gab und nach Erklärungen suchte für das, was ihr, was ihrem Team an diesem Abend widerfahren war. "Es tut mir leid. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn der reingegangen wäre", sagte sie über ihren verschossenen Elfmeter im mit 0:2 verlorenen WM-Halbfinale gegen die USA: "Es war eine Riesenchance für uns, das Ganze vielleicht in eine andere Richtung zu lenken."

Das Glück war aufgebraucht

Dass Sasic ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein könnte, dass der Traum vom dritten Stern hier zu Ende gehen könnte, daran hatte wohl keiner im deutschen Lager einen Gedanken verschwendet, als sich die Torjägerin vom Dienst beim Stand von 0:0 in der 60. Minute den Ball schnappte, um einen an Alexandra Popp verwirkten Foulelfmeter zu verwandeln. Nur vier Tage zuvor hatte Sasic an selber Stelle im Viertelfinale sogar zweimal eiskalt vom Punkt vollstreckt. Doch es schien, als hätten die deutschen Fußballerinnen in jenem Spiel gegen die hoch überlegenen Französinnen ihr ganzes Glück aufgebraucht. Quälend lange musste Sasic warten, ehe sich die 20 Meter neben dem Tor stehende amerikanische Torhüter-Diva Hope Solo unter Ermahnungen der Schiedsrichterin provozierend widerwillig auf ihren Platz zwischen die Pfosten begab. "Normalerweise lasse ich mich von so etwas nicht beeinflussen", sagte Sasic. Doch diesmal spielten ihr die Nerven einen Streich.

Angerer wollte schon die Mauer stellen

Die gefühlt 50.000 USA-Fans unter den 51.176 Zuschauern, die ohnehin schon für einen ohrenbetäubenden Lärm unter dem Hallendach sorgten, rasteten förmlich aus, als Sasic' Flachschuss Zentimeter am linken Pfosten vorbeistrich. Und noch einmal, als das eigene Team neun Minuten später einen Foulelfmeter zugesprochen bekam. Innenverteidigerin Annike Krahn hatte die schon mehrfach entwischte Stürmerin Alex Morgan gefoult - allerdings vor der Strafraumgrenze. "Ich wollte schon eine Mauer stellen und dachte: Was ist jetzt? Elfmeter?", berichtete Torhüterin Nadine Angerer, die ihre Mannschaft mit mehreren tollen Paraden gegen die überlegenen Amerikanerinnen zuvor im Spiel gehalten hatte. Gegen den Elfmeter von US-Kapitänin Carli Lloyd war sie aber ebenso chancenlos wie beim K.o.-Schlag durch die eingewechselte Kelley O'Hara fünf Minuten vor dem Ende.

Marozsan: "Wir gewinnen und verlieren zusammen"

"Was soll ich über die Schiedsrichterin meckern", sagte die in diesem Spiel überforderte Krahn über die krasse Fehlentscheidung der Rumänin Teodora Albon. "Es lag ja nicht allein an der Schiedsrichterin. Die Amerikanerinnen haben irgendwo auch verdient gewonnen." Das deckte sich mit der Meinung fast aller Spielerinnen im Lager der DFB-Frauen, die sich als faire Verlierer zeigten. "Am Ende des Tages muss man sagen, dass wir uns keine richtig hundertprozentigen Torchancen erarbeitet haben, außer beim Elfmeter, da kann man ein Spiel nicht so gut gewinnen", resümierte Kapitänin Angerer. Sie und ihre Kolleginnen vermochten die binnen weniger Tage von der Elfmeterheldin zur tragischen Figur gewordene Sasic nicht zu trösten, aber sie versuchten es. "Ohne Celia wären wir gar nicht mehr hier", erinnerte Sturmpartnerin Anja Mittag an das Drama gegen Frankreich. Und die junge Dzsenifer Marozsan wirkte plötzlich sehr reif: "Celi ist nicht schuld, dass wir verloren haben. Wir gewinnen und wir verlieren zusammen."

Neid verzichtet auf frische Kräfte

Anja Mittag, Nadine Angerer und Simone Laudehr (v.l.) lassen die Köpfe hängen. © picture alliance / dpa Foto: Carmen Jaspersen

Anja Mittag. Nadine Angerer und Simone Laudehr (v.l.) lassen die Köpfe hängen.

Den tollen Charakter ihres Teams hob Bundestrainerin Silvia Neid noch einmal hervor. "Ich bin stolz auf meine Mannschaft, sie hat alles gegeben, aber es hat nicht gereicht", sagte sie: "Auch wenn wir nur Vierter werden, können wir mit erhobenem Haupt nach Hause fahren. Wir haben eine gute WM gespielt und gehören zu den besten Vier der Welt." Obwohl einige ihrer Spielerinnen im Viertelfinale über 120 Minuten gegangen waren, hatte die 51-Jährige gegen das athletisch überragende USA-Team auf frische Kräfte verzichtet, lediglich Innenverteidigerin Saskia Bartusiak war nach ihrer Gelbsperre wieder dabei. "Alle Spielerinnen waren fit, und einige haben vielleicht sogar besser gespielt als gegen Frankreich", sagte Neid, die auch ihr Wechselkontingent nicht ausschöpfte. In der Schlussphase brachte sie lediglich noch Offensivkraft Marozsan ins Spiel.

Popp hat keinen Bock auf die goldene Ananas

Es ist das eigentlich ungeliebte Spiel um Platz drei, das schließlich selbst Sasic noch ein wenig Zuversicht gab. "Wenn man so leidenschaftlich Fußball spielt wie wir, dann wäre es irgendwie komisch, wenn wir jetzt nicht enttäuscht oder traurig wären", sagte die 27-Jährige, die auch noch beste Chancen hat, WM-Torschützenkönigin zu werden: "Mit dem nächsten Spiel wollen wir uns versöhnen und wenigstens eine Kleinigkeit mit nach Hause bringen." Auch Angerer lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig ihr das "kleine Finale" am Samstag (04.07.2015/22 Uhr MESZ, live im Ersten und bei sportschau.de) in Edmonton ist: "Klar will ich das Spiel machen", sagte sie über ihren bevorstehenden letzten Auftritt im Nationaltrikot: "Und vor allem will ich gewinnen." Bei Alexandra Popp kam trotz einer Platzwunde am Kopf, die sich die unerschrockene Wolfsburgerin noch auf dem Feld hatte tackern lassen, schon wieder der Trotz zum Vorschein: "Jetzt wollen wir nicht die goldene Ananas für den vierten Platz nach Hause bringen, sondern einen vernünftigen dritten Platz."

Einzelkritik

Einzelkritik - Eine Angerer macht noch kein Finale

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 01.07.15 10:30 Uhr