Anja Mittag © Witters Foto: Joel Marklund

Angriff

Anja Mittag: Schweden war die Rettung

Ein Leuchtturm, eine Kassette, ihre Glückszahl 31, Blumen, Ranken, Sternchen. Anja Mittag hat viele Tattoos, aber nur eins, das mit dem Fußball zu tun hat. "Stockholm, 28.7.2013" steht auf der Innenseite ihres linken Unterarms. Es ist der Tag, an dem sie die deutschen Fußballerinnen zum achten EM-Titel geschossen hat.

"Wenn die WM gut läuft und sich ein schönes Motiv findet, kommt vielleicht ein weiteres Fußball-Tattoo dazu", sagt Mittag. In Kanada wird die 30 Jahre alte Stürmerin ihre zweite WM-Endrunde spielen und danach zu Paris Saint-Germain wechseln. Einmal war sie schon Weltmeisterin, 2007 in China kam sie allerdings ganze sechs Minuten zum Einsatz. Die Enttäuschung ihres Lebens folgte vier Jahre später, als sie kurz vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land aus dem Kader flog. Es war das Jahr, das alles in ihrem Leben veränderte.

Mittag ahnte schon in der Vorbereitung, dass es sie treffen würde. Ihre Leistungen stagnierten, sie kam nicht rechtzeitig in Form. Das WM-Aus war beinahe eine logische Folge. "Im ersten Moment hatte ich die Nase voll vom Fußballspielen und habe sogar überlegt, in der Nationalmannschaft aufzuhören", sagt sie. Aber sie wusste, dass sie eine gewisse Qualität hat und diese auch wieder abrufen kann, wenn sie nach vorn schaut. "Die Zukunft kann man beeinflussen, die Vergangenheit nicht."

Abschied von Potsdam war der Schlüssel

In Potsdam ging es nicht mehr weiter. Trotz ihrer eindrucksvollen Bilanz von 116 Toren in 162 Einsätzen, fünf Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiegen sowie je einem Erfolg in UEFA-Cup und Champions League vermisste Mittag die Wertschätzung des Trainers. Ein halbes Jahr später entschloss sich die in Karl-Marx-Stadt geborene und von ihrem Bruder Tom mit dem Fußball-Virus infizierte Kickerin zu einem Wechsel zu LdB Malmö nach Schweden. "Die Luftveränderung hat mir gut getan. Ich konnte etwas Neues machen, mich hat keiner gekannt in der Liga, und ich konnte befreit aufspielen", sagt sie über die beste Entscheidung ihres Lebens. "Ich habe die Sprache gelernt, schnell Freunde gefunden und bin angekommen in der Mannschaft, in der Stadt, im Land."

Fußballmärchen in der Wahlheimat

Steckbrief Anja Mittag

Position: Angriff
Trikotnummer: 11
Verein: FC Rosengård (ab 1.7.2015 Paris Saint-Germain)
geboren am: 16. 5. 1985 in Karl-Marx-Stadt
Größe: 168 cm
Gewicht: 58 kg
Länderspiele: 127
Länderspieltore: 38
Länderspiel-Debüt: 31. März 2004 gegen Italien (1:0)
größte Erfolge im Nationalteam: Weltmeisterin 2007; Europameisterin 2005, 2009, 2013; Olympia-Bronze 2008

Mit dem Klub, der Ende 2013 in FC Rosengård umbenannt wurde, gewann sie in dreieinhalb Jahren zwei Meistertitel und wurde zweimal Torschützenkönigin. Bevor sie kurz vor der WM in Kanada ihren Wechsel zu Paris Saint-Germain bekannt gab, hatte sie in 93 Spielen für Rosengard sagenhafte 74 Tore erzielt. Ihre Mitspielerinnen trugen sie nach ihrem letzten Spiel gegen Kristianstads DFF (7:0) auf Händen. Der zweite Frühling der Stürmerin blieb natürlich auch Silvia Neid nicht verborgen. Sie holte Mittag, die bis auf Olympia-Gold alles gewonnen hat, was es im Frauenfußball zu gewinnen gibt, nach der WM 2011 zurück und setzte auf sie bei der EM-Endrunde 2013 in ihrer Wahlheimat Schweden. Es war wie in einem Fußballmärchen, als sie im Endspiel in Stockholm gegen Norwegen nach der Pause eingewechselt wurde und drei Minuten später das 1:0 erzielte - das Goldene Tor. Zwei Jahre nach der größten Enttäuschung ihrer Karriere stand Anja Mittag plötzlich wieder im Rampenlicht.

"Ich bin nicht der geborene Kapitän"

Es ist eine Rolle, die der Uhren-Liebhaberin nicht liegt. Sie ist ein ruhiger, zurückhaltender Typ, aufgrund ihrer Erfahrung von mehr als hundert Länderspielen und ihrer uneigennützigen Art aber nicht mehr wegzudenken aus dem DFB-Team. Sie weiß um ihre Rolle: "Ich bin nicht der geborene Kapitän, der die Mannschaft mit tollen Ansprachen zusammenhält. Dafür habe ich andere Qualitäten." Sie tickt ähnlich wie Lena Goeßling, mit der sie befreundet ist und bei der Nationalmannschaft das Zimmer teilt. Beide lieben Musik ("von Pop bis Elektro - nur keine Schlager"), eine Lautsprecherbox ist immer mit im Gepäck, wenn es auf Reisen geht, außerdem ein E-Book-Reader, ein Massageball, ihr Tablet-Computer und etwas zum Naschen. "Auch da ergänzen Lena und ich uns ganz gut", sagt Mittag. "Ich mag Schokolade, sie ist eher der Kekse-Typ."

Deutsches Team

Anja Mittag: Torjägerin und Titelsammlerin

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 04.07.15 23:30 Uhr