Schlussjubel bei den DFB-Spielerinnen. © Witters Fotograf: Eric Bolte

Deutsches Team

Der Traum lebt: DFB-Team nach Elfmeter-Krimi weiter

von Hanno Bode, sportschau.de

Deutschland steht im Halbfinale der Frauenfußball-WM. Das DFB-Team setzte sich gegen Frankreich mit 5:4 im Elfmeterschießen durch. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 (1:1, 1:1, 0:0) gestanden. Keeperin Nadine Angerer war einmal mehr die Heldin des Europameisters. Im Halbfinale in der Nacht zu Mittwoch (01.07.15, 1.00 Uhr MESZ, Live im Ersten und im Livestream bei sportschau.de) trifft das Team von Bundestrainerin Silvia Neid auf die USA, die China besiegten.

Die im bisherigen Turnierverlauf defensiv nur sehr bedingt geforderte DFB-Auswahl sah sich im Olympic Stadium zu Montreal von Beginn an einem sehr stürmischen Kontrahenten entgegen. Die Französinnen bestachen durch ihre exzellente Raumaufteilung, kluges Pressing, schnelles Umschaltspiel sowie flüssige Kombinationen. Seine Angriffe initiierte das Team von Coach Philippe Bergeroo überwiegend über die Außenpositionen. Deutschlands Linksverteidigerin Tabea Kemme sah des Öfteren nur die Hacken ihrer Gegenspielerin Élodie Thomis. Auch Leonie Maier hatte auf der rechten Seite Probleme.

Goeßling/Leupolz überfordert

Zudem vermochten es Lena Goeßling und Melanie Leupolz auf der "Doppel-Sechs" zu selten, in der Zentrale für Stabilität zu sorgen und Druck von der Abwehr zu nehmen. Die Innenverteidigerinnen Annike Krahn und Babett Peter (ersetzte erwartungsgemäß die gesperrte Saskia Bartusiak) hatten Schwerstarbeit zu verrichten. Die beiden Defensivspezialistinnen gehörten neben Keeperin Nadine Angerer zu den wenigen deutschen Lichtblicken in den ersten 45 Minuten.

DFB-Team im Glück

DFB-Keeperin Nadine Angerer (l.) in Aktion. © dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Keeperin Nadine Angerer (M.) war der große Rückhalt des DFB-Teams.

Allerdings gründete das 0:0 zur Pause primär auf Frankreichs Abschlussschwäche. Bereits nach 55 Sekunden hatte die sehr auffällige Louisa Necib freistehend aus elf Metern die Führung vergeben. Laura Georges (4.), Marie-Laure Delie (25.) sowie erneut Necib (38.) ließen weitere gute Möglichkeiten für den Weltranglistendritten aus. Und der Erste des FIFA-Rankings? Er spielte sich lediglich eine gute Gelegenheit heraus: Simone Laudehr flankte auf Celia Sasic, deren Kopfball das Ziel aber deutlich verfehlte. Der Angreiferin fehlte es in dieser Situation am richtigen Timing. Warum Deutschland nicht häufiger über seine rechte Seite und Laudehr angriff, blieb ein Rätsel. In Laure Boulleau (Gehirnerschütterung) fehlte Frankreich seine etatmäßige Linksverteidigerin. Sie wurde durch Amel Majri vertreten - einer etatmäßigen Mittelfeldakteurin, die dann auch in der Rückwärtsbewegung zuweilen Defizite offenbarte.

Marozsan belebendes Element

Bundestrainerin Silvia Neid verzichtete zur Pause für den Außenstehenden etwas überraschend auf eine Auswechslung der überforderten Kemme. Stattdessen nahm die 51-Jährige die zukünftige Frankreich-Legionärin Anja Mittag vom Platz und schickte für sie Dzsenifer Marozsan auf das Plastikgrün. Die Frankfurterin war sogleich ein belebendes Element im bis dato unstrukturierten deutschen Spiel. Zunächst passte die 23-Jährige präzise auf Sasic, die Sarah Bouhaddi prüfte (50.). Acht Minuten später scheiterte die Edeltechnikerin mit einem gefühlvollen Freistoß an der Keeperin. Diese Aktionen nährten die Hoffnung, dass die DFB-Auswahl das Geschehen nun in den Griff bekommen könnte.

Sasic rettet Neid-Elf in die Verlängerung

Die DFB-Spielerinnen bejubeln den Treffer zum 1:1-Ausgleich durch Celia Sasic (M.). © imago/foto2press

Celia Sasic (Nummer 13) bejubelt ihren Ausgleichstreffer.

Doch just in die bis dahin beste Phase der Neid-Elf fiel Frankreichs Führung: Peter wehrte einen eigentlich sehr uninspirierten langen Ball von Jessica Houara unglücklich in die Mitte direkt vor die Füße von Necib ab, die Angerer mit einem Schuss aus 20 Metern überwand (64.). Krahn hatte den Abschluss noch abgefälscht. Nun waren Moral und Ideen gefragt. In puncto Einsatzwillen war Deutschland kein Vorwurf zu machen. Spielerische Lösungen, um Frankreichs Abwehr in die Bredouille zu bringen, hatte der Weltranglistenerste weiter kaum. Die DFB-Auswahl stürmte mit dem Mut der Verzweiflung und besaß zunächst durch Laudehr die Chance zum 1:1. Sie vergab knapp (72.). Es bedurfte schließlich eines Elfmeters, um den Bann zu brechen: Majri fuhr bei einer Maier-Flanke im Strafraum den Arm aus, sodass der gut postierten Schiedsrichterin Carol Anne Chenard keine andere Wahl blieb, als auf den Punkt zu zeigen. Sasic verlud Bouhaddi und rettete Deutschland in die Verlängerung (84.).

Thiney vergibt Frankreichs Siegtreffer

In der Extrazeit war die Neid-Equipe endgültig auf Augenhöhe mit den Französinnen. Beide Teams lieferten sich nun einen offenen Schlagabtausch. Da die Kräfte der meisten Fußballerinnen jedoch zusehends schwanden, wurden viele Aktionen nicht mehr konzentriert zu Ende gespielt. "Les Bleues" hatten durch die Herausnahmen von Tomis, Eugénie Le Sommer und Delie zudem erheblich an Durchschlagskraft verloren. Deutschlands Spiel fehlte es weiterhin am Überraschungsmoment. So blieben klare Chancen bis zur 116. Minute aus. Dann setzte sich Houara auf der rechten Seite durch, passte zu Gaetane Thiney, die freistehend am langen Pfosten das Ziel verfehlte. Aufatmen beim DFB-Team, das so in das Elfmeterschießen durfte.

Angerer entschärft Lavogez-Strafstoß

Die eingewechselte Melanie Behringer schritt als Erste zum Punkt und verwandelte sicher. Hernach egalisierte Thiney. Auch Laudehr, Camille Abily, Peter, Necib, Marozsan, Wendie Renard und Sasic trafen, bevor Angerer den Penalty von Claire Lavogez entschärfte. Die 36-Jährige sorgte mit ihrer Heldentat dafür, dass ihr 144. Länderspiel nicht ihr letztes war. "Natze" hatte ja bereits vor geraumer Zeit angekündigt, nach der WM ihre Nationalmannschaftskarriere zu beenden. "Im Moment bin ich einfach nur glücklich, und die Mannschaft ist glücklich, dass wir heute weitergekommen sind. In der zweiten Halbzeit haben wir uns alle noch mal berappelt und den Spieß umgedreht", sagte Angerer.

STATISTIK

FIFA Frauen WM 2015 · 1. Spieltag

26.06.2015 22:00 Uhr

Deutschland

Angerer - Maier, Krahn, Peter, Kemme - Goeßling (79. Behringer), Leupolz - Laudehr, Mittag (46. Marozsan), Popp (70. Däbritz) - Sasic

6

Frankreich

Bouhaddi - Houara, Georges, Renard, Majri - Henry, Abily - Thomis (69. Lavogez), Nécib - Delie (101. Hamraoui), Le Sommer (91. Thiney)

5

FAKTEN UND ZAHLEN ZUM SPIEL

Tore:

  • 0:1  Nécib  (64.)
  • 1:1  Sasic  (84., Handelfmeter)

Strafen:

  • gelbe KarteGoeßling
  • gelbe KarteLeupolz
  • gelbe KarteMittag
  • gelbe KarteMarozsan
  • gelbe KarteGeorges
  • gelbe KarteDelie

Stadion:

  • Olympiastadion

Ort:

  • Montreal

Zuschauer:

  • 24859

Schiedsrichter:

  • Carol Anne Chenard (Kanada)

Stand: 27.06.15 03:39 Uhr