Die Engländerin Jo Potter tröstet Simone Laudehr © picture alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Deutsches Team

Blech statt Ruhm: "Das war nicht unsere WM"

von Ines Bellinger aus Edmonton

Das WM-Fazit der deutschen Fußballerinnen hat etwas Absurdes: Die "Torfabrik" des Turniers ist an ihrer Abschlussschwäche gescheitert. Der vierte Platz trübte den Abschied von Nadine Angerer.

Zur Anstoßzeit des WM-Endspiels ist für die deutschen Fußballerinnen kein Platz auf dem Spielfeld in Vancouver reserviert, sondern im Flieger zurück nach Deutschland. Dass der zweimalige Weltmeister sich am Finaltag mit einem "Kack-Gefühl" (Alexandra Popp) auf den Weg nach Hause macht, war ebenso wenig geplant gewesen wie eine Abschiedsparty für Torhüterin Nadine Angerer, ohne zumindest WM-Bronze begießen zu können. Eine Zigarette hatte sich die 36-Jährige bereits eine gute Stunde nach dem verlorenen Spiel um Platz drei gegen England (0:1 n.V.) gegönnt. “Zu Hause werde ich dann erst mal ein Glas Wein trinken und das Ganze mental aufarbeiten“, sagte die mit zwei Niederlagen scheidende Kapitänin, die am Sonntag (5.7.2015) zu ihrem Club nach Portland zurückkehren muss. "Es wird eine Zeit dauern, um wieder klar in der Birne zu werden."

Kein Tor mehr aus dem Spiel heraus

Tränenreich war das letzte Hurra für Angerer zuvor nicht wegen irgendwelcher Sentimentalitäten ausgefallen. Nach 120 Minuten, in denen es trotz klarster Chancen nicht gelungen war, ein Tor gegen die Engländerinnen zu erzielen, sackten die deutschen Fußballerinnen auf dem Plastikgrün des Commonwealth Stadiums von Edmonton in sich zusammen - von Weinkrämpfen geschüttelt, leer, ratlos. Wie absurd war es denn, dass das in der Summe treffsicherste Team dieser Weltmeisterschaft (20 Tore), das in Celia Sasic zudem mutmaßlich die Torschützenkönigin stellen wird, an seiner eklatanten Abschlussschwäche scheiterte? Nach dem grandiosen 4:1-Sieg gegen Schweden im Achtelfinale erzielten die DFB-Frauen keinen Treffer mehr aus dem Spiel heraus. "Wenn du keine Tore machst, kannst du kein Spiel gewinnen", resümierte Silvia Neid.

Die Bundestrainerin hatte im Spiel um Platz drei kurz vor einem Verweis auf die Tribüne gestanden, so vehement beklagte sie sich über die schwache Schiedsrichterin aus Nordkorea. Doch an der Richtigkeit des von Tabea Kemme verschuldeten Strafstoßes ließ sie keine Zweifel aufkommen: "Der Elfmeter war berechtigt, da waren wir sehr, sehr naiv", sagte sie und machte dem Gegner Komplimente: "England hat das unbedingt gewollt. Sie waren so zweikampfstark, und sie waren auch so clever in ihrem Verhalten."

"Löwinnen" machen England stolz

Irgendwie grotesk wirkte es allerdings, dass eine englische Fußball-Mannschaft nach einem verwandelten Elfmeter (!) in der Verlängerung ein WM-Spiel gegen Deutschland gewinnt. Die englischen Medienvertreter gedachten entsprechend euphorisch das beste Ergebnis für das "Mutterland des Fußballs" seit dem denkwürdigen WM-Finale 1966, das England nach dem legendären Wembley-Tor in der Verlängerung gegen Deutschland für sich entschied. "Wir haben gegen eine der besten Mannschaften der Welt gewonnen und das Turnier verdient als bestes Team Europas abgeschlossen", verkündete Kapitänin Steph Houghton nach dem ersten Sieg gegen die DFB-Frauen überhaupt voller Stolz. Trainer Mark Sampson versprach seinen wacker kämpfenden "Löwinnen" nach dem Erfolg im Europa-Finale denn auch eine "massive, massive celebration".

Krahn: "Wir müssen uns hinterfragen"

Im deutschen Lager wussten die meisten Spielerinnen indes nicht so recht, wie sie dieses Turnier einordnen sollten. War es ein Erfolg, war es keiner? "Es war vielleicht einfach nicht unsere WM - zumindest gegen Ende nicht", befand Popp. Den Willen und den Einsatz kann man keiner Beteiligten absprechen. Doch spielerischen Glanzphasen wie in der ersten Halbzeit gegen Norwegen oder beim Erfolg gegen Schweden folgten allzu oft Momente, in denen das DFB-Team keine fußballerischen Lösungen fand für unvorhergesehene Szenarien. Der Schlüssel dafür liegt  im Mittelfeld, wo Ideen, Präsenz und Führungsstärke der verletzten "Weltfußballerin" Nadine Keßler  nicht adäquat ersetzt werden konnten.

"Das Potenzial ist da, aber wir haben es nicht immer umgesetzt", bilanzierte Abwehrchefin Annike Krahn mit bitterem Unterton. "Da müssen wir uns als Mannschaft hinterfragen." Und das tun die Spielerinnen, wenn man der Bundestrainerin und der scheidenden Kapitänin Glauben schenkt. "Wir sind eine sehr selbstkritische Mannschaft und beweihräuchern uns nicht", sagte Angerer. "Aber wir hatten hier auch extrem starke Gegner. Alles schlechtzureden, ist nicht gerechtfertigt. Wir haben insgesamt ein gutes Turnier gespielt."

Neid beklagt zu kurze Vorbereitung

Dass die DFB-Frauen ihre mit 40.000 Euro pro Kopf belohnten Ziele WM-Halbfinale und Olympia-Qualifikation erreicht haben, wertete Neid angesichts der kürzesten Vorbereitungszeit überhaupt auf ein großes Turnier als Erfolg. "Wir hatten zehn Tage, aber das war keine Vorbereitung, das war Regeneration, weil die Spielerinnen in einem katastrophalen Zustand zu uns kamen. Dafür können wir froh sein, dass wir so weit gekommen sind", sagte sie nach ihrem letzten WM-Spiel und spielte den Ball damit zurück zu jenen Bundesliga-Kollegen, die ihr mangelnde taktische Flexibilität und Fehler beim Coaching vorgeworfen hatten. Die Sorge, dass die deutschen Fußballerinnen ihren Platz in der Weltspitze behaupten, sei berechtigt. Gerade deshalb müsse gemeinsam an der Weiterentwicklung der Spielerinnen gearbeitet werden.

Neid macht weiter und verschafft Jones Lehrzeit

Bundestrainerin Silvia Neid mit ihrer designierten Nachfolgerin Steffi Jones (r.). © picture alliance / dpa Fotograf: Frank Rumpenhorst

Bundestrainerin Silvia Neid mit ihrer designierten Nachfolgerin Steffi Jones (r.).

Trotz des aufkommenden Gegenwindes am Ende der WM ist Neids Ehrgeiz groß genug, um zum Abschluss ihrer beispiellosen Karriere als Spielerin und Trainerin (zweimal Weltmeisterin, achtmal Europameisterin) im kommenden Jahr in Rio noch einmal die Mission Olympia-Gold in Angriff zu nehmen. Dass sie die DFB-Frauen gegen die allesamt nicht bei der WM vertretene Konkurrenz aus Russland, Ungarn, Kroatien und der Türkei erfolgreich durch die Mitte September beginnende EM-Qualifikation führt, versteht sich als Pflichtaufgabe, bevor sie das Ruder im Herbst 2016 an ihre designierte Nachfolgerin Steffi Jones übergibt. Die DFB-Direktorin Frauenfußball ließ sich beim Schaulaufen der Weltelite in Kanada gar nicht blicken. Eine bewusste Entscheidung, um den Fokus nicht auf sich zu lenken, wie es beim DFB hieß. Natürlich wird Jones die WM-Spiele akribisch am Fernseher analysiert haben, denn angesichts der Tatsache, dass sie ohne jegliche Erfahrung auf der Trainerbank die Verantwortung für die Nationalmannschaft übernehmen soll, wird die 111-malige Nationalspielerin nach ihrem Amtsantritt garantiert nicht mit Samthandschuhen angefasst.

Insgeheim wird Jones drei Kreuze gemacht haben, dass Neid dank der Rückkehr unter die Top Vier ihren Vertrag auch erfüllen darf. Das lässt ihr die Zeit, das von DFB-Sportdirektor Hansi Flick angebotene Coaching sowie diverse Hospitanzen in Anspruch zu nehmen. Ihre Feuertaufe bei der EM 2017 in den Niederlanden darf jetzt schon mit Spannung erwartet werden.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 05.07.15 12:15 Uhr