Bundestrainerin Silvia Neid ist unzufrieden. © dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Deutsches Team

Neid kontert Kritik aus der Bundesliga

von Ines Bellinger aus Edmonton

Bundestrainerin Silvia Neid musste sich nach dem Halbfinal-Aus bei der WM in Kanada harsche Kritik aus der Heimat erwehren. Doch die 51-Jährige blieb ganz ruhig und reagierte souverän.

Der Stachel nach dem 0:2 im Halbfinale gegen die USA saß tief. Der Titeltraum jäh vorbei. Vorwürfe für den Auftritt musste sich danach Bundestrainerin Silvia Neid von Kollegen aus der Bundesliga gefallen lassen, die ihr mangelnde Flexibilität in der taktischen Ausrichtung und schwaches Coaching vorgeworfen hatten. Neid wies diese Anwürfe nun in sehr sachlicher und souveräner Art zurück. "Ich finde es sehr, sehr schade, dass man das über diesen Weg äußert. Das hat uns ehrlich gesagt auch ein bisschen gestört in unserer Vorbereitung", sagte sie dem ARD-Hörfunk. Sie sei dankbar für Kritik, wünsche sich aber, dass sie im persönlichen Gespräch vorgebracht werde, so wie das der Leverkusener Coach Thomas Obliers in einem konstruktiven Gespräch im Teamhotel in Ottawa getan habe.

Neid verteidigt System und lädt zur Analyse

Die 51-Jährige verteidigte das 4-2-3-1-System, das beim DFB schon ab der U15 verinnerlicht wird und in dem sich die Spielerinnen wohlfühlten. Ihre Mannschaft habe die Taktik gegen die USA bereits sehr variabel ausgelegt. Neid wiederholte ihre Einschätzung, dass ihre Mannschaft im Halbfinale vor allem in der zweiten Hälfte einen guten Spielaufbau, ein gutes Flügelspiel, eine gute Spielverlagerung gezeigt habe. "Unser Problem in diesem Spiel war einfach, dass wir in unserem Angriffsdrittel zu unpräzise waren im Abschluss oder einfach die falschen Entscheidungen getroffen haben oder zu wenig Ruhe am Ball hatten und uns somit wenige Torchancen herausgearbeitet haben", sagte sie.

Eine taktische Revolution wird es zumindest in ihrer bis nach den Olympischen Spielen 2016 laufenden Amtszeit nicht geben: "Wir haben halt in der Nationalmannschaft nicht so viel Zeit, dass wir uns ständig ein neues System einfallen lassen, zumal unser System sehr erfolgreich ist. Und wir lassen uns unseren Erfolg nicht kaputtreden." Um sich stetig weiterzuentwicklen, müsse gleichwohl aber auch eine so erfolgreiche Nation wie Deutschland über den Tellerrand hinausschauen und sehen, was andere Nationen wie Frankreich oder die USA machen. Von ihren deutschen Kollegen wünscht sich Neid, dass sie ihre Denkanstöße auch bei der gemeinsamen Analyse nach der WM vorbringen: "Da kann jeder auch einen guten Tipp abgeben, in der Hoffnung, dass sie dann auch alle kommen."

Kellermann geht auf Distanz zu Bell

VfL-Wolfsburg-Coach Ralf Kellermann hat sich inzwischen von der scharfen Kritik seines Kollegen Colin Bell vom Champions-League-Sieger 1. FFC Frankfurt an Neid distanziert. "Die Art und Weise der Kritik von Colin Bell geht aus meiner Sicht nicht. Ein Bundesliga-Trainer sollte sich nie öffentlich so äußern", sagte der Welttrainer dem "kicker". Er distanziere sich von den Bell-Aussagen, "weil jetzt alles in einen Topf geschmissen wird". Kellermann selbst hatte zuvor gemahnt: "Wie wir uns im Verein technisch weiterentwickeln müssen, so muss sich auch die Nationalelf technisch weiterentwickeln, dass man sich auf engem Raum fußballerisch befreien kann." Damit habe er nicht Neids Arbeit kritisieren, sondern anregen wollen, dass alle gemeinsam eine Entwicklung vorantreiben. Der 46-Jährige erklärte, er habe am Donnerstag mit Neid telefoniert, um das zu verdeutlichen.

Plädoyer von Coach Sampson für Neid

Sehr erstaunt war Englands Coach Mark Sampson. "Jeder, der bezweifelt, dass Silvia Neid eine der großartigsten Trainerinnen in dieser Sportart ist, liegt falsch", befand der Waliser: "Sie hat einen fantastischen Job gemacht, nicht nur mit dem Nationalteam, auch für den gesamten Frauenfußball in Deutschland. Die ganze Welt beneidet die Deutschen darum." In der Spitze des internationalen Frauenfußballs seien die Unterschiede zwischen den Teams nur noch sehr gering. Neid habe dennoch ein Topteam. Deutschland stehe als zweimaliger Welt- und achtmaliger Europameister permanent unter Druck. Dabei habe das Turnier in Kanada doch bewiesen, wie klein die Abstände in der Weltspitze des Frauenfußballs geworden sind: "Deutschland erwartet bei jedem Turnier den Sieg, alles andere gilt automatisch als Versagen. Aber die Zeiten, als die USA und Deutschland auf dem Weg ins Finale alle Gegner 6:0 weghauten, sind vorbei. So sehr ich Colins Meinung auch respektiere - die deutschen Leistungen in diesem Turnier zu kritisieren, ist sehr, sehr harsch."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 04.07.2015, 21.45 Uhr 

Stand: 04.07.15 11:18 Uhr